Veranstaltungsbericht
Kooperationsveranstaltung zwischen dem Karl von Vogelsang-Institut und dem Rathausklub der ÖVP Wien
Freitag, 17. April 2026 Rathaus Wien, 17 Uhr
Europa sieht sich selbst als zusammenwachsender Kontinent. Die europäischen Staaten definieren sich als Schicksalsgemeinschaft mit einer gemeinsamen Vergangenheit und einem gemeinsamen politischen Ziel. Doch welche Rolle spielt dabei Geschichte? Sind Geschichtsbilder in unserer modernen und aufgeklärten Zeit überhaupt noch notwendig? Wo verbindet Geschichte, und wo trennt Geschichte bis in die heutige Zeit?
Hinzu kommen grundlegende Veränderungen innerhalb der meisten europäischen Gesellschaften, die nicht bloß gewachsene Geschichtsbilder übergehen und nicht mehr akzeptieren wollen, sondern zusätzliche, in Mitteleuropa nicht gewachsene Geschichtsbilder etablieren. Das Hineinwachsen neuer Geschichtsbilder führt – diese Wahrnehmung begleitete die Veranstaltung an zahlreichen Stellen – zur Verdängung von Traditionen und neuer Konkurrenzsituationen.
Gerade in Mitteleuropa verdichten sich historische Bruchlinien, deren Überwindung nur in einer wechselseitigen Akzeptanz von Vergangenheit und Gegenwart möglich scheint. Das reiche historische Erbe kann aus einer nationalen Sicht oftmals mehr trennen als Brücken schlagen. Wie kann eine mitteleuropäische Antwort auf fragmentierte Geschichtsbilder aussehen, ohne die notwendigen Wurzeln zu vernachlässigen? Geschichte darf nicht als manipulierendes, beliebiges Instrument im politischen Alltag missbraucht werden.
Das Karl von Vogelsang-Institut und der Rathausklub der ÖVP-Wien versuchten im Rahmen dieser Kooperations-Veranstaltung der Frage nachzugehen, ob es ein „kollektives Gedächtnis für alle“ in Mitteleuropa geben kann oder sogar geben muss.
Die Themenvorstellung übernahm der Präsident des Vogelsang-Instituts, Univ.-Prof. LH a.D. Dr. Franz Schausberger, der damit gleich zu Beginn der Veranstaltung die Bruchlinien zwischen politischer Instrumentarisierung von Geschichte und notwendiger historischer Identifikation darlegte.
Das Impulsreferat hielt Univ.-Prof. Dr. Arnold Suppan, Österreichische Akademie der Wissenschaften, zum Thema „Gibt es ein verbindendes Geschichtsbild in Mitteleuropa?“, und beschrieb damit die strukturellen Voraussetzungen, auf deren Basis sich die Gegenwart in Mitteleuropa entwickeln konnte.
Mehrere Botschafter aus mitteleuropäischen Ländern waren eingeladen, ihre nationalstaatlichen Perspektiven im Umgang mit dem historischen Erbe vorzustellen und um Schlaglichter zu historischen Ereignissen und deren Stellenwert in den jeweiligen Ländern zu beschreiben.
So sprachen neben dem polnischen Botschafter in Österreich, Zenon Kosiniak-Kamysz („Die Befreiung Wiens 1683 und die polnische Gedenkkultur im 21. Jahrhundert“) auch die ungarische Botschafterin Edit Szilágyiné Bátorfi („Brücke zwischen Ost- und Westeuropa und das Erbe des Kommunismus in der Praxis“). Der deutsche Botschafter in Österreich, Vito Cecere referierte schließlich zum Thema „Das vereinte Deutschland. Synergien von Geschichtsbildern aus Ost und West“.
Im Anschluss an die Themenvorstellung, das Impulsreferat und die Beiträge der Botschafter fand eine Podiumsdiskussion statt, die mit Einbindung des Publikums zum Ausdruck brachte, wie anregend und spannend das vorgestellte Thema empfunden wird.
An die einhundert Besucher folgten der Einladung der Veranstalter in den Wappensaal des Wiener Rathauses und unterstrichen damit die besondere Relevanz und Aktualität des Themas.

Botschafter, Herr Kosiniak-Kamysz spricht über die Erinnerungskultur in Polen im 21. Jahrhundert

Die Veranstalter und Referenten des Abends: v.l.n.r. Jan Ledochowski, Jan Carnogurski, Hannes Schönner, Vito Cecere, Zenon Kosiniak-Kamysz, Caroline Hungerländer, Edit Szilgyine Batorfi und Arnold Suppan

Univ.-Prof. Dr. Franz Schausberger bei seinem Vortrag
