Prof. Dr. Hannes Schönner
28 Mai 2026, Andreas Unterbergers Tagebuch
In Österreich sind wir es schon seit längerem gewohnt. Geschichte wird parteipolitisch benützt und gleichsam häppchenweise für politische Manöver aus der „Mottenkiste“ hervorgeholt. Das Karl Lueger-Denkmal wurde derart zum Reibebaum hochstilisiert, sodass sich schließlich mehr Künstler und Ideologen daran abarbeiteten als Historiker. Es fällt auf, dass das Lueger-Denkmal gar nicht so sehr von linken Historikern kritisiert wurde, sondern vielmehr von Lokalpolitikern, Kunstschaffenden und Studenten.
Was zur Kernfrage führt: Darf man als Österreicher gegenwärtig überhaupt noch auf einen Teil seiner Geschichte stolz sein? Oder ist das Wort „stolz“ per se schon böse und abzulehnen, wie uns Vertreter der moralisch-korrekten Sprachlehre seit längerem einreden wollen? Würde sich vor dem Hintergrund des ukrainischen Überlebenskampfes und der israelischen Flurbereinigung zur Abwehr permanenter, tödlicher Gefahr nicht auch der österreichische Abwehrkampf gegen Hitler vor 1938 anbieten? Immerhin wurden zwischen 1932 und 1938 hunderte österreichische Exekutivbeamte und Zivilisten durch den NS-Terror ermordet oder schwer verletzt. Eine existenzbedrohende, außenpolitische Aggression bleibt bestehen, selbst wenn die damalige Innenpolitik zu Recht Kritik und Ablehnung auf sich zieht.
Oder ist der „Stolz der Österreicher“ auf den Olympiasieg von Franz Klammer, das Wunder von Cordoba und das Songcontest-Kleid von Conquita Wurst beschränkt? Wir verfallen in einen Zustand übertriebener Dämonisierung (Lueger) und Blindheit gegenüber historischen Verdiensten und eigenen Leistungen. Wenn nicht einmal mehr die Abwehr einer türkischen Aggression in den Jahren 1529 und 1683 als ein historisch-existenzielles Ereignis so benannt werden darf, dann grenzt dieses Verhalten an Selbstaufgabe.
Die permanente Ausdünnung oder gar Abschaffung des Faches „Österreichische Geschichte“ an österreichischen Universitäten während der letzten Jahre fällt genau in dieses Bild. Auch die Fächer zur österreichischen Literatur, der österreichischen Politikwissenschaft und der österreichischen Kunstgeschichte, die alle an den Universitäten dieses Landes nicht mehr vertreten sind, stellen schmerzhafte Desiderate dar.
Ebenso ist nicht zu übersehen, dass zahlreiche geschichtswissenschaftliche und kulturpolitische Schlüsselpositionen in Österreich mit Deutschen besetzt sind. Zweifellos zumeist hochqualifiziert, doch nicht immer in der Lage, den erforderlichen österreichischen Charakter in Geschichte und Kultur entsprechend zu interpretieren. Wenn die österreichische Identität (Achtung: Triggerwarnung!) nur noch in einer vorauseilenden Internationalisierung liegt, was soll dann erreicht werden? In diesem Fall stoßen höchstens konkurrierende und einander selbst misstrauende Herkunftsgeschichten in ein geschichtsloses Vakuum. Berechtigte Migrationsgeschichten ersetzen keine notwendigen, weil verbindenden historischen Leitgeschichten im neuen Heimatland.
Selbstverständlich bedürfen Geschichte und somit auch Denkmäler als Ausdrucksform einer geschichtlichen „Denkwürdigkeit“ einer grundsätzlichen Anpassung. Wenn im Wiener Donaupark allerdings ein verklärtes Denkmal für Ernesto „Che“ Guevara steht, ohne dass es eine Kontextualisierung oder Zusatztafel gibt, und es historisch korrekt ist, „Che“ als Mörder (pardon: Freiheitskämpfer) zu bezeichnen, dann passt dies alles nicht zusammen. Scheinbar gibt es in Österreich 2026 mehr Verständnis für einen lateinamerikanischen Freiheitskämpfer als für einen Freiheitskämpfer in der österreichischen Geschichte. Und damit ist nicht Dollfuß gemeint, sondern der polnische König Jan Sobieski, dessen Verdienste um die Abwehr osmanischer Aggression evident sind. Ebenso evident sind die Gründe, weshalb die Stadt Wien ein Denkmal am Kahlenberg scheut. Möglicherweise, weil sich in drei Jahren zum 500. Mal (!) die Erste Türkenbelagerung jährt?
Entgegen allen historischen Fakten wird Geschichte mit tagespolitischer Agitation verwechselt. Dabei gehört das Bekenntnis zur Geschichte eines Landes zur integrationspolitischen Voraussetzung. Anderenfalls wird Geschichte nicht nur austauschbar. Sie wird beliebig.
