{"id":4480,"date":"2025-04-23T12:15:00","date_gmt":"2025-04-23T10:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/?p=4480"},"modified":"2025-07-08T12:17:44","modified_gmt":"2025-07-08T10:17:44","slug":"zum-80-geburtstag-von-univ-prof-dr-ernst-bruckmueller-lehrer-freund-und-mitbegruender-des-karl-von-vogelsang-instituts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/?p=4480","title":{"rendered":"Zum 80. Geburtstag von Univ.-Prof. Dr. Ernst Bruckm\u00fcller.Lehrer, Freund und Mitbegr\u00fcnder des Karl von Vogelsang-Instituts."},"content":{"rendered":"\n<p>Eine W\u00fcrdigung von Univ.-Prof. Dr. Dieter A. Binder (Universit\u00e4t Graz),<br>langj\u00e4hriger Leiter des wissenschaftlichen Arbeitskreises des Karl von Vogelsang-Instituts und stv. Vorsitzender des Instituts.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Univ.-Prof. Dr. Ernst Bruckm\u00fcller. Ein stiller Gro\u00dfer wird 80 Jahre<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eIch stelle mir Ernst Bruckm\u00fcller als einen gl\u00fccklichen Menschen vor &#8211; akkurat frisiert -, der in allen Lebensstationen in sich selbst ruht, pr\u00e4zise beobachtet und daraus intelligente Schl\u00fcsse zieht.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Geboren in den letzten Tagen der Nazi-Zeit und des Krieges am 23. April 1945 in Eselsteiggraben, das im Ortsgebiet von St. Leonhard am Forst liegt, was dem Nicht-Nieder\u00f6sterreicher auch noch nicht viel sagt, besuchte er im nahegelegenen Melk das Stiftsgymnasium. Den ambitionierten Sch\u00fclern dieses Benediktinerklosters stand in der Freizeit die Teilnahme an der Kongregation oder an der katholischen Pennalie offen. Da wohl das Beten und die geistliche Erbauung von den Patres ohnehin intensiv weitergegeben wurden, entschied sich Ernst f\u00fcr die K.\u00d6.St.V. Nibelungia, einem Milieu, dem er auch ab 1963 als Geschichte- und Germanistikstudent in Wien treu blieb, was ihn in die K.a.V Norica f\u00fchrte. Als Kind aus einem bewusst christlichsozialen Milieu und als Nieder\u00f6sterreicher nahezu selbstverst\u00e4ndlich \u00f6sterreichisch gepr\u00e4gt \u2013 den Deutschnationalismus \u00fcberlie\u00df man eher jenen, deren Deutschtum in einem scheinbaren Widerspruch zu ihren Familiennamen stand \u2013 erfuhr er bei der Norica durch Wolfgang Mantl den zur Reflexion einer derartigen Befindlichkeit notwendigen Unterbau. Gerade in und um die Norica fanden sich damals jene jungen Katholiken, die gepr\u00e4gt von der Aufbruchsstimmung des II. Vatikanums \u00fcberkommene Strukturen kritisch in Frage stellten und offen waren f\u00fcr Neues. Werner Vogt war einer von ihnen und Alois Mock, der als Unterrichtsminister die echte Drittelparit\u00e4t an den Universit\u00e4ten einf\u00fchren wollte, war ein anderer. Mit der Promotion 1969 wurde er Assistent am legend\u00e4ren Institut f\u00fcr Wirtschafts- und Sozialgeschichte unter Alfred Hoffmann, unter dem bereits der etwas \u00e4ltere Michael Mitterauer und bald danach der etwas j\u00fcngere Roman Sandgruber ebenfalls als Assistenten arbeiteten, und habilitierte sich 1976 f\u00fcr das Fach Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Im Jahr darauf zum Professor ernannt, hielt er seinem Institut bis zu Pensionierung die Treue. Versuche, ihn woanders hin zu berufen, stoppte er bereits im Vorfeld, indem er kollegiale Anfragen freundlich und bestimmt zur\u00fcckwies.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich stelle mir Ernst Bruckm\u00fcller als treuen und ausdauernden Menschen vor, der dem gemeinsam mit Rainer Stepan gegr\u00fcndeten Karl von Vogelsang-Institut zur Geschichte der christlichen Demokratie in \u00d6sterreich als Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats und Vizepr\u00e4sident diente. In den schwierigen 1980er Jahren sammelte er hier arrivierte und junge Kollegen, um Projekte zur Geschichte des christlichsozialen Lagers voranzubringen, damals wie teilweise auch noch heute umstrittene Fragen deren Geschichte kontrovers zu diskutieren, schlicht der Wissenschaft zu dienen. Wiewohl er diese Funktion 1991 niederlegte, nachdem er zum Vorsitzenden des Instituts f\u00fcr \u00d6sterreichkunde gew\u00e4hlt worden war, blieb er dem Institut als Ratgeber, F\u00f6rderer und Mitdenker erhalten. Das neue Aufgabenfeld, hier zeigte sich wiederum der begnadete Netzwerker und Nachwuchsf\u00f6rderer, nahmen seine Kraft bis in die j\u00fcngste Vergangenheit in Anspruch. Das Institut, 1954 mit der Planung zu einem ersten \u00f6sterreichischen Historikertag entstanden, ist eine bundesweite Arbeitsgemeinschaft zur freiwilligen Fortbildung der Lehrerschaft auf den Gebieten Geschichte und Politik, Literatur und Sprache, Geografie und Wirtschaft. Ein j\u00e4hrlicher Kanon von Tagungen (f\u00fcr Geschichte, Literaturwissenschaft und Geografie) und die Herausgabe der Zeitschrift \u201e\u00d6sterreich in Geschichte und Literatur\u201c sowie die Edition der Schriftenreihen des Instituts lassen den Einsatz von Bruckm\u00fcller erahnen, der angesichts zunehmender staatlicher Sparzw\u00e4nge ins Heroische gewachsen ist. Der Fokus dieses Instituts liegt auf der Lehrerinnen- und Lehrerfortbildung, der auch die von ihm 1971 mitbegr\u00fcndeten \u201eBeitr\u00e4ge zur Historischen Sozialkunde\u201c gewidmet sind und an deren Redaktion er bis 2001 regen Anteil hatte. Auch hier folgt auf die Entlastung sofort eine neue Aufgabe: Als Vorsitzender und Motor diente er ab 2002 dem Ludwig-Boltzmann-Institut f\u00fcr die Geschichte des l\u00e4ndlichen Raumes, das er als Vorsitzender des Instituts f\u00fcr Geschichte des l\u00e4ndlichen Raumes in St. P\u00f6lten ab 2005 fortf\u00fchrte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich stelle mir Ernst Bruckm\u00fcller als forschungsbasierten akademischen Lehrer an der Universit\u00e4t Wien, als Gastprofessor an der \u201e\u00c9cole pratique des hautes \u00e9tudes\u201c an der Sorbonne IV und als engagierten Ausstellungskurator und Volksbildner im H\u00f6rsaal, im Radio und im Fernsehen vor. Ich stelle ihn mir also als Geschichtserz\u00e4hler im besten Sinne des Wortes vor. Diese T\u00e4tigkeit l\u00e4sst vier markante Arbeitsschwerpunkte sichtbar werden: Agrargeschichte, B\u00fcrgertumsforschung, Sozialgeschichte, Nationsbildung und -bewusstsein. All dies flie\u00dft in seine stete Auseinandersetzung mit dem Raum, mit \u00d6sterreich ein, ohne dies ahistorisch zu verknappen oder gar revisionistisch zu erweitern. Dieses Leitthema wird 1984 in seinem Buch \u201eNation \u00d6sterreich. Sozialhistorische Aspekte ihrer Entwicklung\u201c f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit sichtbar. Er stellte sich damit in die Reihe jener \u00e4lteren Historiker und Soziologen, wie die CVer Ernst Karl Winter, Friedrich Heer und August Maria Knoll, die im Widerspruch zur dominanten Wiener Tradition deutschnationaler Geschichtsschreibung das Spezifische einer Region jenseits der Sprache suchten. Das hat Bruckm\u00fcller, der die Debatte auf der Ebene der modernen Nationstheorien f\u00fchrte, heftige Angriffe von einer Nachlassverwalterin der abgekommenen deutschen Reichsgeschichte eingetragen. Seine Replik las ich als eine allgemein g\u00fcltige Zur\u00fcckweisung der politischen Instrumentalisierung von Geschichtsschreibung. Dieser Band fand mehrfach \u00fcberabeitet und neu aufgelegt auch den Weg in eine amerikanische \u00dcbersetzung (2003). Seine \u201eSozialgeschichte \u00d6sterreichs\u201c, erstmals 1985 auf den Markt gekommen, wurde 2003 in einer franz\u00f6sischen \u00dcbersetzung in Paris aufgelegt. Sein Ringen um eine Gesamtschau \u00d6sterreichs lie\u00dfen ihn den Versuch wagen, in einer Monografie der \u00f6sterreichischen Geschichte von der Vorzeit bis in die Gegenwart nachzusp\u00fcren (2019). Ernst Bruckm\u00fcllers Blick auf die \u00f6sterreichische Geschichte geht nicht den einfachen Weg vom Zentrum in die Peripherie, sie geht vielleicht biographisch beeinflusst, von der Provinz zum Zentrum. Dem Regionalen im nieder\u00f6sterreichischen Kontext ist Bruckm\u00fcller ebenso verhaftet wie dem dezentralen Geschehen. Seine das Leben bis heute gestaltende Begegnung mit Irena Vilfan-Bruckm\u00fcller \u00f6ffneten den Blick und sein Wissen um den slowenischen Raum und dessen Geschichte. Die Wertsch\u00e4tzung, die ihm hier entgegengebracht wird, spiegelt sich in seiner Publikationsliste und nicht zuletzt in der 2017 erfolgten slowenischen Ausgabe seiner \u201e\u00d6sterreichischen Geschichte\u201c zwei Jahre vor der deutschsprachigen Erstausgabe. Seine stete Reflexion des historischen Raums, der historischen Geografie lie\u00dfen ihn 2011 zum Herausgeber des \u201ePutzgers\u201c, genauer gesagt der 104. Auflage des \u201eHistorischen Weltatlas\u201c werden. Es w\u00e4re anma\u00dfend und gleicherma\u00dfen \u00fcberfordernd, auch nur ansatzweise hic et nunc eine kommentierte Bibliografie Bruckm\u00fcllers folgen zu lassen. \u00dcber 20 Monografien, rund 50 Herausgeberschaften und Redaktionen, darunter eine gro\u00dfe Zahl von Lieferungen des \u00d6sterreichischen Biografischen Lexikons, und 250 Aufs\u00e4tze sprechen f\u00fcr sich. Sein \u0152uvre, f\u00fcr das er den Karl-von-Vogelsang-Staatspreis f\u00fcr Geschichte der Gesellschaftswissenschaften (1983), den Wissenschaftspreis des Landes Nieder\u00f6sterreich (2000) und den Kardinal-Innitzer-Preis (2019) erhielt, veranlasste der Akademie der Wissenschaften ihn 2003 zum Korrespondierenden und 2006 zum Wirklichen Mitglied zu w\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterschiedliche Quellengattungen werden fachgerecht in der kritischen Geschichtsschreibung hinterfragt, so auch die \u201eLaudatio\u201c. Doch bevor ein Zwischenruf dieser Art von Ernst Bruckm\u00fcller, ich stelle ihn mir als bescheidenen Menschen vor, kommt, sei eines noch gesagt: Seinen Kolleginnen und Kollegen tritt er mit offener Sympathie entgegen, seinen Studentinnen und Studenten ist er ein stets wohlwollender F\u00f6rderer und Lehrer, vielen von uns aber war und ist er ein echter Freund und Bruder.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Karl von Vogelsang-Institut gratuliert seinem Mitbegr\u00fcnder Ernst Bruckm\u00fcller von ganzem Herzen!<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine W\u00fcrdigung von Univ.-Prof. Dr. Dieter A. Binder (Universit\u00e4t Graz),langj\u00e4hriger Leiter des wissenschaftlichen Arbeitskreises des Karl von Vogelsang-Instituts und stv. Vorsitzender des Instituts. Univ.-Prof. Dr. Ernst Bruckm\u00fcller. Ein stiller Gro\u00dfer &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4481,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,18,32],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4480"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4480"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4480\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4482,"href":"https:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4480\/revisions\/4482"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/4481"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4480"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4480"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4480"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}