{"id":4130,"date":"2024-06-10T10:57:04","date_gmt":"2024-06-10T08:57:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/?page_id=4130"},"modified":"2024-06-10T10:57:05","modified_gmt":"2024-06-10T08:57:05","slug":"bundesminister-a-d-univ-prof-dr-hans-tuppy-1924-bis-2024","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/?page_id=4130","title":{"rendered":"Bundesminister a.D.Univ.-Prof. Dr. Hans Tuppy (1924 bis 2024)"},"content":{"rendered":"\n<p>Bundesminister a.D.<br>Univ.-Prof. Dr. Hans Tuppy (1924 bis 2024)<\/p>\n\n\n\n<p>Hans Tuppy als Wissenschaftsminister, ca.1988<br>Archiv des Karl von Vogelsang-Instituts<\/p>\n\n\n\n<p>Dr. Hans Tuppy konnte auf eine vielbeachtete und herausragende Wissenschaftslaufbahn zur\u00fcckblicken. Seine naturwissenschaftlichen Arbeiten im Bereich der Chemie, die ihn an zahlreiche internationale Universit\u00e4ten f\u00fchrten (Cambridge, Kopenhagen), begr\u00fcndeten seinen Ruf als exzellenten Forscher. Neben seinen wissenschaftlichen Studien betrachtete Tuppy stets kritisch und zugleich f\u00f6rdernd den politischen Rahmen, der Wissenschaft erst erm\u00f6glichte. Die \u00d6sterreichische Volkspartei konnte \u00fcber Jahrzehnte auf seine kritische, doch substanzielle Mitarbeit z\u00e4hlen, und ihn von 1987 bis 1989 mit der F\u00fchrung des Wissenschaftsministeriums betrauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den Schwerpunkten Hans Tuppys als Bundesminister f\u00fcr Wissenschaft und Forschung (1987-1989) z\u00e4hlten die Novellen zum Universit\u00e4ts-Organisationsgesetz (1987, 1988), die Erweiterung des Handlungsspielraumes von Universit\u00e4ten und ihren Einrichtungen in der Kooperation mit Dritten durch Ausweitung der Rechtsf\u00e4higkeit und selbst\u00e4ndige Gebarung im Rahmen ihrer Rechtsf\u00e4higkeit, Verbesserung der Stellung von Gastvortragenden, das Akademie-Organisationsgesetz (1987), die Anpassung der Organisation der Akademie der bildenden K\u00fcnste in Wien an die Erfordernisse einer zeitgem\u00e4\u00dfen Hochschulstruktur und eines modernen Hochschul-Managements, die Novelle zum Allgemeinen Hochschul-Studiengesetz (1988), die Verankerung der M\u00f6glichkeit internationaler Studienprogramme und von Studien in einer Fremdsprache sowie die Novelle zum Kunsthochschul-Studiengesetz (1988).<\/p>\n\n\n\n<p>Dr. Hans Tuppy repr\u00e4sentierte alleine durch seine wissenschaftliche und politische Biographie einen prominenten Zeitzeugen f\u00fcr die Ver\u00e4nderung \u00f6sterreichischer Forschungs- und Wissenschaftspolitik. Sein Leben und sein Wirken als Wissenschaftler und Politiker stehen f\u00fcr die Br\u00fcche und Kontinuit\u00e4ten derselben.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Karl von Vogelsang-Institut f\u00fchrte im Jahre 2013 im Rahmen eines Projekts zur \u201e\u00d6sterreichischen Wissenschaftspolitik 1960-2010\u2018\u2018 ein Zeitzeugen-Interview mit Hans Tuppy. Dieses Gespr\u00e4ch d\u00fcrfen wir in Ausz\u00fcgen als historisches Dokument anf\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dr. Hans TUPPY<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Geb. 27. Juli 1924 in Wien<br>1942-1948 Studium der Chemie in Wien<br>1958 Habilitation und a.o. Univ.-Prof. f\u00fcr Biochemie an der Medizinischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Wien<br>1974-1982 Pr\u00e4sident des Fonds zur F\u00f6rderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF)<br>1983-1985 Rektor der Universit\u00e4t Wien<br>1985-1987 Pr\u00e4sident der \u00d6AW<br>1987-1989 Bundesminister f\u00fcr Wissenschaft und Forschung<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zeitzeugen-Interview<br>Univ.-Prof. Dr. Hans Tuppy<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Gespr\u00e4ch wurde im Mai 2013 im Rahmen eines Projekts zur \u201e\u00d6sterreichischen Wissenschaftspolitik 1960-2010\u201c von Dr. Johannes Sch\u00f6nner mit Bundesminister a.D. Univ.-Prof. Dr. Hans Tuppy auf der Politischen Akademie gef\u00fchrt. Manche Themen beziehen sich auf seinerzeit aktuelle Entwicklungen wie die damals erfolgte Zusammenlegung von Wirtschafts- und Wissenschaftsministerium. (Ausz\u00fcge)<\/p>\n\n\n\n<p>Johannes Sch\u00f6nner:<br>Herr Professor Tuppy, sehen Sie in der augenblicklichen Zusammenlegung von Wissenschaftsministerium und Wirtschaftsministerium eine sinnvolle Erg\u00e4nzung mit folgenden Synergien oder einen Zusammensto\u00df von Interessen?<\/p>\n\n\n\n<p>Hans Tuppy:<br>Ich bin durchaus nicht gegen die Vereinigung der beiden Bereiche. Ohne Wirtschaft gibt es keine konsequente Wissenschaft sowie Forschung und auch die Wissenschaft erm\u00f6glicht oftmals erst eine erfolgreiche Wirtschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Johannes Sch\u00f6nner:<br>Herr Professor Tuppy, ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte, jedoch auch ihre Schwerpunkte, die Sie als Wissenschaftsminister hervorgehoben haben, sind beachtlich. Alleine das Hochschulwesen, die Novelle zum Universit\u00e4tsorganisationsgesetz 1987\/88, Akademieorganisationsgesetz 1987, diverse Novellen sind wesentlich hier anzuf\u00fchren. Schlie\u00dflich das Allgemeine Hochschulorganisationsgesetz 1988, das Kunsthochschulenstudiengesetz 1988, schlie\u00dflich das Studienf\u00f6rderungsgesetz. In Ihrer Amtszeit hat der FWF die Mittel entschieden erh\u00f6ht. Dadurch wurden enorme neue Forschungsm\u00f6glichkeiten erm\u00f6glicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Hans Tuppy:<br>Ich war damals fest davon \u00fcberzeugt, dass es eine der besten M\u00f6glichkeiten ist. Das ist eines der besten und wirksamsten Mittel gewesen, Geld in die Hochschullandschaft zu bringen; in einer Weise, die sich dann eben auch leistungsm\u00e4\u00dfig positiv auswirkt. Schon bei der Gr\u00fcndung des Fonds war ich dagegen, dass man auch Bauten und Dinge, die nicht zur Wissenschaft beitragen, mitfinanziert. Die Gefahr ist immer bei einer Aufwendung f\u00fcr Wissenschaft gro\u00df, dass es in Administration, in Bauten, in Infrastruktur etc. versickert. Das war allerdings ein Gedanke, den ich auch innerhalb der Regierung nicht so ohne weiteres kommunizieren konnte. Ich sollte doch froh sein, wenn die Universit\u00e4ten neue Bauten bekommen, bekam ich immer wieder zu h\u00f6ren. Ja, das war ich auch. Doch wenn die Wissenschaft und die Forschung dadurch zu kurz kamen, hielt sich meine Freude in Grenzen. Vor allem die Bundesmuseen waren hier nicht unproblematisch. Ich m\u00f6chte daher sagen, diese Jahre waren sehr fordernd.<\/p>\n\n\n\n<p>Johannes Sch\u00f6nner:<br>Das war wahrscheinlich auch mit ein Konfliktpunkt mit den Direktoren der Bundesmuseen. Die Museen wollten ja vor allem ihre H\u00e4user ausbauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hans Tuppy:<br>Es hat freilich alles zwei Seiten. Von ihrer Warte aus hatten die Museumsdirektoren schon grunds\u00e4tzlich recht. Sie mussten auch st\u00e4ndig Mittel einfordern, wenn man bedenkt, dass das Kunsthistorische Museum, aber auch das Naturhistorische Museum in einem furchtbaren Zustand waren. Die haben wirklich finanzielle Mittel f\u00fcr Renovierungsarbeiten gebraucht. \u00dcbrigens glaube ich auch gegenw\u00e4rtig, dass zu viel Geldmittel in Administration gehen. Heute w\u00fcrde ich mir w\u00fcnschen, wenn mehr Bauten-Gelder zur Verf\u00fcgung st\u00fcnden und das Geld weniger in die Administration und oft erm\u00fcdende, oft nicht notwendige Evaluierung flie\u00dft. Evaluierung ist gut und sch\u00f6n, Evaluierung ist wichtig in der heutigen Zeit. Die Arbeit zu bewerten, auch von externen, ausl\u00e4ndischen Fachprofessoren, die anonymisiert werden. Die diversen Peer-Review-Systeme haben durchaus internationalen Stellenwert und sind im Prinzip unverzichtbar. Aber wenn der Evaluierungsaufwand die eigene Forschungs- und Lehrt\u00e4tigkeit entscheidend beeintr\u00e4chtigt, dann stellt sich die Frage nach dem Sinn der Evaluierung.<\/p>\n\n\n\n<p>Johannes Sch\u00f6nner:<br>Warum glauben Sie, fallen die \u00f6sterreichischen Universit\u00e4ten, vor allem die Wiener Universit\u00e4t oder die TU Graz, die fr\u00fcher Flaggschiffe \u00d6sterreichs waren, im internationalen Ranking, immer weiter zur\u00fcck? Warum glauben Sie, fallen wir generell im internationalen Vergleich zur\u00fcck? Liegt es nur am Geld, an den Forschungsmitteln oder gibt es auch strukturelle Probleme?<\/p>\n\n\n\n<p>Hans Tuppy:<br>Das h\u00e4ngt alles grunds\u00e4tzlich zusammen. Also, dass die Universit\u00e4t Wien jetzt noch schlechter ist als vor dem Jahr 2000, das ist zum Teil gar nicht ernst zu nehmen. Das sind auch statistische Schwankungen, so wie bei den Pisa-Untersuchungen. Es gibt nicht nur echte Trends. Da m\u00fcssen wir wirklich \u00fcber l\u00e4ngere Zeit schauen. Aber als \u00f6sterreichischer Universit\u00e4tsprofessor und als fr\u00fcherer \u00f6sterreichischer Politiker darf man hier nichts sch\u00f6nreden. Dass wir soweit r\u00fcckw\u00e4rts sind, das hat schon verschiedene Gr\u00fcnde. Ein Grund ist, dass wir immer noch glauben, dass wir so etwas Besonderes in der Welt sind, und dass die Welt eigentlich klein ist. Die Welt ist jedoch ungeheuer gro\u00df geworden. Was da an Neuem entstanden ist, und auch dauernd entsteht, hat direkten Einfluss auf uns. Somit auch auf unsere Wissenschaftsvorhaben. Jedes Jahr entstehen neue Universit\u00e4ten, die zum Teil mit enormen Mitteln etabliert werden. Es ist wie bei der Wiener Medizinischen Schule. Es gab um 1900 nur ein paar Hochschulen. Und heute? Beinahe jede gr\u00f6\u00dfere Stadt hat ihre weiterf\u00fchrenden Schulen und vielleicht sogar Hochschulen und Universit\u00e4ten. Wissenschaftliche Konkurrenz wird in \u00d6sterreich nicht positiv besetzt. In England spornt den einzelnen Forscher jeder Mitbewerber extra an. Schauen wir uns doch die Gr\u00f6\u00dfenverh\u00e4ltnisse an: Wir sind in Europe 2% der Gesamtbev\u00f6lkerung und weltweit gegen 0,1%. Ich \u00fcbertreibe bewusst, doch wir m\u00fcssen Nischen in der Wissenschaft finden und uns gewaltig anstrengen.<\/p>\n\n\n\n<p>Johannes Sch\u00f6nner:<br>Und hier nat\u00fcrlich die besten Wissenschaftler und Forscher nach Kr\u00e4ften unterst\u00fctzen. Tun wir das in \u00d6sterreich? Wir haben Johannes Hengstschl\u00e4ger oder Anton Zeilinger. Es mangelt ja nicht am Humankapital.<\/p>\n\n\n\n<p>Hans Tuppy:<br>Ich kenne die \u00f6sterreichischen Universit\u00e4ten sehr gut, auch im Vergleich mit internationalen Standorten in Europa und in den USA. Die exzellenten Kr\u00e4fte sind in \u00d6sterreich vorhanden. Und jetzt sind wir bei der Politik, die den Rahmen festlegen muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Johannes Sch\u00f6nner:<br>Ein Politiker denkt jedoch gelegentlich st\u00e4rker an den Weg. Ein Forscher denkt ans Ziel. Stimmt diese Zuordnung?<\/p>\n\n\n\n<p>Hans Tuppy:<br>Wobei manche Professoren an den Universit\u00e4ten auch zuletzt immer mehr den Weg sehen. Ich will nicht so scharf trennen. Das ist oftmals eine b\u00fcrgerliche Untugend.<\/p>\n\n\n\n<p>Johannes Sch\u00f6nner:<br>Die Politik l\u00e4sst auch oftmals nichts unversucht, dieses Klischee zu f\u00f6rdern.<\/p>\n\n\n\n<p>Hans Tuppy:<br>Es sind im medialen Bereich meistens gestrandete Akademiker. Ich f\u00fcrchte, dies ist auch in der Wissenschaftspolitik, respektive der Darstellung der Wissenschaft in der \u00d6ffentlichkeit, ein wesentlicher Umstand. Das Scheitern in der Wissenschaft wird mitunter gr\u00f6\u00dfer dargestellt als ein Erfolg. Schauen sie sich das Projekt \u201eGalerie der Forschung\u201c an. Hier h\u00e4tte Wissenschaft sehr gut \u201eunter das Volk gebracht\u201c werden k\u00f6nnen.<br>Die \u00f6sterreichische Bev\u00f6lkerung wei\u00df, dass Forschung und Wissenschaft etwas kosten darf. In manchen Bereichen auch wirklich teuer ist. Aber wir wissen nur zu gut, es scheitert nicht nur am Geld. Wie auch in der gesamten Bildungsdiskussion, so ist es auch im Wissenschaftsbereich. Stellenweise sind sozialdemokratische Positionen und jene der Volkspartei unvereinbar. Das beginnt bei der Schulpolitik und setzt sich fort auf den Hochschulen. Doch ich denke, die EU hat hier zumindest eine gewisse Entspannung mit sich gebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Johannes Sch\u00f6nner:<br>Herr Professor Tuppy, Sie haben jetzt schon die Internationalit\u00e4t angesprochen, die in den letzten Jahrzenten immer st\u00e4rker wurde und immer st\u00e4rker wird. Allein von US-amerikanischer, indischer, fern\u00f6stlicher, aber auch arabischer Seite werden hier Tatsachen geschaffen, an denen niemand vorbeikommt. Die arabischen Staaten investieren enorme Summen in Forschungsprojekte, gerade in den Medizin- und in Pharmabereich. Die besten K\u00f6pfe von \u00d6sterreich, die sind mitunter im Ausland.<\/p>\n\n\n\n<p>Hans Tuppy:<br>Hier haben sie grunds\u00e4tzlich Recht. Die kommen aber wieder nach \u00d6sterreich zur\u00fcck. Wenn sie genug Geld verdient haben, kommen sie wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Johannes Sch\u00f6nner:<br>Wie sch\u00e4tzen Sie \u00fcberhaupt den sogenannten \u201eBologna-Prozess\u201c ein? Wird das auch zunehmend f\u00fcr die \u00f6sterreichische Wissenschaft und Forschung problematisch, oder haben wir den Zug generell bereits vers\u00e4umt? Haben wir verabs\u00e4umt, junge Wissenschaftler und Forscher zu animieren im Ausland zu studieren? \u00d6sterreichern sagt man eine gewisse Immobilit\u00e4t nach. Die Stipendien f\u00fcr das Ausland werden &#8211; seit Anfang der 2000er Jahre wiederholt sich diese Feststellung seitens der Politik, aber auch der Universit\u00e4ten \u2013 nicht in Anspruch genommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hans Tuppy:<br>Das hat eher fr\u00fcher gegolten. Meiner Erfahrung nach hat sich das aber mit dem EU-Beitritt entscheidend ge\u00e4ndert. Und wenn ich sozusagen auch eine Konstante in meinem Lebenslauf erw\u00e4hnen darf:<br>In meinem wissenschaftlichen Arbeiten und als Hochschullehrer musste jeder Dissertant oder sp\u00e4terer Doktor ins Ausland. Sonst hatte er keine Chance bei uns gehabt. Sie mussten sich an ausl\u00e4ndischen Universit\u00e4ten bew\u00e4hren. Beim Forschungsf\u00f6rderungsgesetz hat man dies auch seitens der \u00f6sterreichischen Politik sehr stark ber\u00fccksichtigt. Nachher wurden nur ausl\u00e4ndische Gutachter bei gewissen Pr\u00fcfungen oder Entscheidungen herangezogen, nicht die eigenen. Als Minister bin ich ja unglaublich gescholten worden. Wenn man da die Zeitungen nachliest, w\u00fcrde man dies wieder realisieren. Ich war auch f\u00fcr den Bachelor als Studienabschluss. In dieser Frage ging ein Sturm der Entr\u00fcstung anfangs durch die \u00f6sterreichische Presse. Auch die Professorenkollegen auf den Universit\u00e4ten gingen hier nicht zimperlich mit mir um. Als Minister habe ich das erkl\u00e4rt. Nicht zuletzt auch im Parlament in Wien. Wobei ich der festen \u00dcberzeugung war, dass diese Angleichung ans europ\u00e4ische Universit\u00e4tssystem sinnvoll ist und uns US-amerikanische St\u00e4rken bringen w\u00fcrde \u2013 ohne deren Schw\u00e4chen, die es freilich auch gibt, wie die reine Abh\u00e4ngigkeit von der US-Wirtschaft \u2013 zu importieren. Aber wie dann die b\u00fcrgerliche Presse, die ja sehr konservativ und starr ist, mit mir umgegangen ist, war letztklassig.<\/p>\n\n\n\n<p>Johannes Sch\u00f6nner:<br>Haben Sie da keine Unterst\u00fctzung erfahren?<\/p>\n\n\n\n<p>Hans Tuppy:<br>Nein, \u00fcberhaupt nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Johannes Sch\u00f6nner:<br>Wie sch\u00e4tzen Sie grunds\u00e4tzlich die gesellschaftlichen Paradigmenwechsel der letzten Jahrzehnte und deren Auswirkungen auf die Wissenschaftspolitik ein?<br>Gibt es hier einen Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Ver\u00e4nderung und auch dem Stellenwert der Hochschulen?<\/p>\n\n\n\n<p>Hans Tuppy:<br>Nun, selbstverst\u00e4ndlich gibt es den Zusammenhang. Nur glaube ich nicht an so starke Br\u00fcche, wonach die ganze Gesellschaft dadurch beeinflusst wurde. Es ist viel kontinuierlicher, schrittweise geschehen. Wenn ich daran denke, dass Unterrichtsminister Theodor Piffl-Percevic 1966 die Studienreform in Angriff genommen hat, eine Kommission eingerichtet hat, in der er nicht nur Leute seiner Couleur, sondern auch andere aufgenommen hat.<br>Das war schon eine interessante \u00c4nderung gegen\u00fcber seinem Vorg\u00e4nger Drimmel. Dieser hat nur das, was gesetzlich festgeschrieben war, in Angriff genommen. Aber Drimmel hat nichts Neues gebracht. Piffl war ganz anders. Das war schon ein neuer Typ. Obwohl er unglaublich konservativ war, in vielerlei Hinsicht. Ein alt\u00f6sterreichischer Adeliger, sein ganzes Auftreten, sein ganzer Stil, war nicht b\u00fcrgerlich, sondern adelig. Dadurch vielleicht sehr steirisch. Piffl hat schon politisch erstaunlich viel gemacht. Und \u00fcberhaupt, vergessen wir die Klaus-Zeit nicht. Josef Klaus hat es zur parlamentarischen Mehrheit gebracht. Warum? Weil er eine Vision gehabt hat, und die Vision war zum Teil auch eine wissenschaftliche Agenda. Er war tief beeindruckt von der Kybernetik, von der Wissenschaft der Steuerung. Bundeskanzler Klaus hat gemeint, dass man mit solchen Vorstellungen einer Steuerung auch in der Politik sehr viel anfangen kann. F\u00fcr die Aktion 20 hat er sich die wissenschaftliche Expertise in die Regierung geholt, weil er von dieser \u00dcberzeugung gepr\u00e4gt war. Und das Forschungsf\u00f6rderungsgesetz w\u00e4re nie so gut geworden, wenn es nicht die Alleinregierung gegeben h\u00e4tte. In diesem Fall hat ein Mann im Kanzleramt doch erstaunlich viel durchsetzen k\u00f6nnen \u2013 oder es zumindest versucht. Es gab und gibt leider sehr, sehr wenige von dieser Art wie es der Politiker Josef Klaus war. Er hat freilich auch seine Schattenseiten gehabt. Nicht dass Josef Klaus jetzt ein sakrosankter Heros gewesen ist. In dieser Hinsicht ist vieles eben nicht durch Hertha Firnberg gestartet worden. Es war schon eine Menge politischer Arbeit vorbereitet gewesen. Denken wir an die Aktion 20, die f\u00fcr vieles die Grundlage gelegt hat. Immerhin war es bereits vor Bruno Kreisky vorbereitet gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Johannes Sch\u00f6nner:<br>Sie haben jetzt ein Stichwort gegeben: Die Aktion 20. Josef Klaus war einer der Ersten, der den gesellschaftspolitischen Wert der Wissenschaft erkannt hat. Die Aktion 20, die dann abrupt durch den Wechsel im Kanzleramt beendet worden war. Der Form nach bestand sie bis 1973\/74, doch ohne realpolitischen Einfluss.<\/p>\n\n\n\n<p>Hans Tuppy:<br>Da gab es auch innerparteilich bereits Vorarbeiten w\u00e4hrend der fr\u00fchen 1960er Jahre, die Aktion 20 wurde ab Mitte des Jahrzehnts zu einer breiten Organisation ausgebaut. Bereits Heinrich Drimmel hatte hier Schwerpunkte gelegt. Das war zu einer Zeit, also Ende der 1950er, Anfang 1960er, als die Sozialdemokraten am Thema Wissenschaftspolitik \u00fcberhaupt kein Interesse zeigten.<\/p>\n\n\n\n<p>Johannes Sch\u00f6nner:<br>Die \u00d6VP hat also bewusst die Universit\u00e4ten und ihre wissenschaftliche Monopolstellung verlassen, um Wissenschaftspolitik zu einem Thema zu machen?<\/p>\n\n\n\n<p>Hans Tuppy:<br>Gewisserma\u00dfen ja, doch das war anfangs innerlich zerrissen und unstrukturiert. Es fehlte noch unter Alfons Gorbach der stringente Faden. Erst Josef Klaus hat klare Zielvorgaben innerhalb aller \u201eAktion 20-Arbeitskreise\u201c definiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Johannes Sch\u00f6nner:<br>Es ist heute noch beeindruckend zu sehen, wie viele Pers\u00f6nlichkeiten sich von der Aktion 20 und von Bundeskanzler Josef Klaus angesprochen f\u00fchlten und dabei mittaten. Erika Weinzierl, die auch in der Aktion 20 in dem Bereich Geschichte mitgearbeitet hat, war ebenso vertreten wie Gerhard Bruckmann, der hinsichtlich Mathematik und Statistik versuchte, diese in relevante Politikfelder einzugliedern. Die Themen wurden immer breiter. Die K\u00fcnstler kamen ebenfalls zu Wort.<\/p>\n\n\n\n<p>Hans Tuppy:<br>Es gibt ja die Erwachsenenbildung, die oft nicht weiter als bis ins n\u00e4chste Dorf reicht. Nichts gegen das Dorf, ich bin sehr daf\u00fcr, ich war in der Erwachsenenbildung t\u00e4tig, aber daf\u00fcr war es einfach nicht richtig. Diesen Fehler machten auch manche Arbeitskreise der Aktion 20. Jedoch wurde das noch \u00fcbertroffen von Bruno Kreisky zehn Jahre sp\u00e4ter. Allerdings verkaufte er sich und auch seine Politik viel besser.<\/p>\n\n\n\n<p>Johannes Sch\u00f6nner:<br>Sie kennen Theorie und Praxis der Wissenschaft. Mit Theorie meine ich den politischen \u00dcberbau, als auch die Praxis des Forschens und der Lehre. Die Basis des Forschens hat sich ver\u00e4ndert. Auf einmal gab es Medien, die sich der Forschung angenommen haben. Auf einmal gab es Einrichtungen der Erwachsenenbildung, die sich als wissenschaftliche Institute definiert haben. Ab den sp\u00e4ten 1960er Jahren entwickelt sich auf den Unis ein immer selbstbewussterer Mittelbau, eine immer selbstbewusstere und fordernde Studentenschaft. Wie haben Sie als Universit\u00e4tsprofessor, aber auch als Mitglied der Aktion 20, diesen gro\u00dfen Bruch, der 1960er und 1970er Jahre wahrgenommen?<\/p>\n\n\n\n<p>Hans Tuppy:<br>Das h\u00e4ngt aber auch mit meinem pers\u00f6nlichen Lebensweg zusammen. Ich habe ja 1945 an der Gr\u00fcndung der Freien \u00d6sterreichischen Studentenschaft teilgenommen. Ich war also Studentenvertreter und bin dann immer an der Politik interessiert und auch engagiert geblieben, durch alle verschiedenen R\u00e4nge hindurch. Ich habe mir nicht schwergetan, auch im \u201e68-Jahr\u201c und in sp\u00e4teren Jahren als Universit\u00e4tsprofessor. Man war nicht pl\u00f6tzlich ein anderer geworden.<br>Wir neigen in \u00d6sterreich zu sehr auf die Gefahren zu sehen, und zu wenig die Chancen im Fokus zu haben. Aber nat\u00fcrlich ist auch die Wissenschaftspolitik vor Oberfl\u00e4chlichkeit nicht gewahrt. Der Zeitgeist verhindert oftmals eine ordentliche Vertiefung mit der notwendigen wissenschaftlichen Technik.<\/p>\n\n\n\n<p>Johannes Sch\u00f6nner:<br>Wie sehen Sie Wissenschaftspolitik in den Parteiprogrammen der letzten Jahrzehnte verankert? War jetzt in der SP\u00d6, in der \u00d6VP, aber auch der FP\u00d6 und der Gr\u00fcnen, Ihrer Meinung nach, Wissenschaftspolitik ausreichend ber\u00fccksichtigt oder zu wenig ber\u00fccksichtigt? War die \u00d6VP eine \u201eWissenschaftspartei\u201c oder nicht?<\/p>\n\n\n\n<p>Hans Tuppy:<br>Sicherlich war keine Partei eine ausgesprochene Wissenschaftspartei. Da Hertha Firnberg das Wissenschaftsministerium ab den fr\u00fchen 1970er Jahren etabliert hat, noch eher die Sozialisten. Aber nein, eine ausgesprochene \u201eWissenschaftspartei\u201c war keine der genannten Parteien. Auch nicht jene in der Opposition. Ich glaube auch nicht, dass Wissenschaft in einem Parteiprogramm so eine prominente Position haben sollte. Ich glaube schon, Wissenschaft sollte einen politischen Stellenwert haben und zwar in allen Parteien.<br>Sicherlich gab es den Begriff Forschung mehr in den Naturwissenschaften und in der Medizin, wo sozusagen die Grundlagenentwicklung st\u00e4rker war. Das hat dann \u00fcbergegriffen auf alle Gebiete.<\/p>\n\n\n\n<p>Johannes Sch\u00f6nner:<br>Der Begriff \u201eresearch\u201c ist dazu gekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hans Tuppy:<br>Ja, und das war enorm wichtig. N\u00e4mlich beides: Science and Research. Wobei man bei Science wieder achtgeben muss. Das englische Wort bedeutet etwas anderes als die deutsche Wissenschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Johannes Sch\u00f6nner:<br>Herr Professor, sehen Sie in den Fachhochschulen, ein Begriff, der noch nicht in dem Gespr\u00e4ch gefallen ist, der aber nat\u00fcrlich auch in Ihre Zeit, bzw. in die Zeit der 1990er Jahre hineinf\u00e4llt, eine Chance und wissenschaftliche Erg\u00e4nzung zu den Unis und Hochschulen?<\/p>\n\n\n\n<p>Hans Tuppy:<br>Da muss man differenzieren. Wenn man die Hochschulen so gliedert, wie es jetzt auch im Bologna-Prozess gewesen ist, haben wir auch einen ersten Abschnitt, der mit einem Bachelor endet. So etwas k\u00f6nnen die Fachhochschulen ausgezeichnet, manchmal sogar besser. Die Fachhochschulen machen es allerdings nur auf speziellen Gebieten. Und sie machen es auf jenen Gebieten, wo die Entlastung der Universit\u00e4ten weniger wichtig ist. Die Fachhochschulen setzen oftmals auf bestimmte Gebiete, eher auf die technischen und wirtschaftlichen F\u00e4cher. Bei der Wirtschaft ist die Entlastung schon sehr gut.<br>Die Qualit\u00e4t ist ausgezeichnet, zumindest im Gro\u00dfen und Ganzen. Das Problem ist nur, dass die Fachhochschulen eine Aufnahmebeschr\u00e4nkung haben und zumeist eine Aufnahmepr\u00fcfung verlangen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Johannes Sch\u00f6nner:<br>Und dass sie Studiengeb\u00fchren verlangen k\u00f6nnen. Eine Universit\u00e4t darf dies im Moment nicht, eine Fachhochschule sehr wohl. Ist das nicht eine demokratiepolitische Ungleichbehandlung?<\/p>\n\n\n\n<p>Hans Tuppy:<br>Ich pers\u00f6nlich meine, die Fachhochschulen k\u00f6nnten wirklich entlasten, wenn das Gleichgewicht stimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Johannes Sch\u00f6nner:<br>Sie haben einen Bogen gespannt von der sp\u00e4ten Nachkriegszeit bis in die Gegenwart, auch den m\u00f6glichen Ausblick haben Sie angesprochen. Haben Sie vielleicht auch zu Ihrer eigenen Disziplin, zur Naturwissenschaft, ein abschlie\u00dfendes Res\u00fcmee? Sehen Sie gegenw\u00e4rtig die Naturwissenschaften auf dem richtigen Weg?<\/p>\n\n\n\n<p>Hans Tuppy:<br>Wenn Sie bedenken, dass es heute auf zwei Gebieten der Naturwissenschaften in \u00d6sterreich wirklich Spitzenkr\u00e4fte in der Wissenschaft und in der Forschung gibt, dann ist das sehr wenig. Das ist die Quantenphysik, mit den Universit\u00e4ten in Wien und Innsbruck. Das ist auch verbunden mit der Akademie der Wissenschaften. Der andere Schwerpunkt im Bereich der Naturwissenschaften liegt auf dem Gebiet der Molekularbiologie. Aber es gelingt auf Teilgebieten auch in internationaler Hinsicht etwas Leistungsf\u00e4higes hinzustellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Linken in \u00d6sterreich mussten sich erst langsam dem Leistungsgedanken ann\u00e4hern. Ohne Leistung schafft man sich schlussendlich selber ab. Das war auch die einzige M\u00f6glichkeit, durch wissenschaftliche Leistung etwas zu selektionieren. Das alleine war demokratiepolitisch vertr\u00e4glich. Alles andere ist nicht vertr\u00e4glich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bundesminister a.D.Univ.-Prof. Dr. Hans Tuppy (1924 bis 2024) Hans Tuppy als Wissenschaftsminister, ca.1988Archiv des Karl von Vogelsang-Instituts Dr. Hans Tuppy konnte auf eine vielbeachtete und herausragende Wissenschaftslaufbahn zur\u00fcckblicken. Seine naturwissenschaftlichen &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/4130"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4130"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/4130\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4131,"href":"https:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/4130\/revisions\/4131"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4130"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}