{"id":4065,"date":"2024-01-26T11:30:14","date_gmt":"2024-01-26T10:30:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/?page_id=4065"},"modified":"2024-01-26T11:31:23","modified_gmt":"2024-01-26T10:31:23","slug":"4065-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/?page_id=4065","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Februar 1934 \u2013 Fakten und Mythen<\/h1>\n\n\n\n<p><strong>Kurt Bauer<a href=\"#_ftn1\"><strong>[1]<\/strong><\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der 12. Februar 1934 war ein Montag. Um 7 Uhr morgens traf beim Hotel Schiff in der Landstra\u00dfe 36 in Linz ein 20-k\u00f6pfiges Aufgebot von Sicherheitswache- und Kriminalbeamten ein. Die Polizisten sollten in dem Geb\u00e4ude, das als Hauptquartier der Sozialdemokratischen Partei Ober\u00f6sterreichs diente, nach versteckten Waffen des Republikanischen Schutzbundes suchen. Sie fanden die ebenerdigen R\u00e4ume verlassen vor, vernahmen aber im oberen Stock \u2013 wo die Landesleitung des Schutzbundes sa\u00df \u2013 den Ruf \u201eZu den Waffen!\u201c. Die rund 40 Schutzb\u00fcndler, die hier Bereitschaft hielten, eilen in den hinteren Geb\u00e4udeteil, wo in einem Raum \u00fcber einem Kinosaal Waffen bereitstanden. Hier verschanzten sie sich und r\u00fcckten ein Maschinengewehr ans Fenster. Als die Polizisten in diesen Geb\u00e4udeteil vordrangen, er\u00f6ffneten die Schutzb\u00fcndler das Feuer und vertrieben die Beamten. Vorl\u00e4ufig.<\/p>\n\n\n\n<p>Der SDAP-Landesparteisekret\u00e4r und F\u00fchrer des ober\u00f6sterreichischen Schutzbundes Richard Bernaschek hatte sich mittlerweile in seinem B\u00fcro eingeschlossen. Per Telefon alarmierte er den Schutzbund, erteilte einem Vertrauensmann den Auftrag, die Parteif\u00fchrung in Wien zu verst\u00e4ndigen und erreichte dann den ober\u00f6sterreichischen Landeshauptmann Schlegel, den er um seine Intervention bat. Schlie\u00dflich brachen die Polizisten die T\u00fcr auf, Bernaschek lie\u00df sich widerstandslos abf\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Was war geschehen? Aufgebracht durch die fortgesetzten Provokationen der vorangegangenen Tage (Hausdurchsuchungen in sozialdemokratischen Geb\u00e4uden \u00fcberall in \u00d6sterreich, die Verhaftung der wichtigsten F\u00fchrer des Republikanischen Schutzbundes) und dem sich abzeichnenden inneren Zusammenbruch der Sozialdemokratischen Partei hatte Bernaschek am 11. Februar per Boten einen Brief an die Parteif\u00fchrer in Wien geschickt: \u201eWenn morgen, Montag, in einer ober\u00f6sterreichischen Stadt mit einer Waffensuche begonnen wird oder wenn Vertrauensm\u00e4nner der Partei beziehungsweise des Schutzbundes verhaftet werden sollten, wird gewaltsamer Widerstand geleistet und in Fortsetzung des Widerstandes zum Angriff \u00fcbergegangen werden.\u201c Dieser Beschluss sei unab\u00e4nderlich. Man z\u00e4hle auf die Solidarit\u00e4t der Genossen in Wien und in ganz \u00d6sterreich. Parteif\u00fchrer Otto Bauer versuchte, Bernaschek zu stoppen. Ein verschl\u00fcsselter Anruf erreichte die Linzer Parteizentrale mitten in der Nacht. Die seltsame Nachricht wurde abgeh\u00f6rt, die Linzer Polizei entschloss sich, mit der f\u00fcr Montag an anderer Stelle vorgesehene Waffensuche im Hotel Schiff zu beginnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vom der Linzer Parteizentrale dehnte sich der Aufstand auf weitere Teile von Linz, auf Steyr und andere Orte in Ober\u00f6sterreich aus, dann auf Wien, Graz, die obersteirische Industrieregion, einige nieder\u00f6sterreichische und weitere Orte in Tirol und Salzburg. Es kam teilweise zu intensiven, verlustreichen Auseinandersetzungen \u2013 am \u00e4rgsten am 13. und 14. Februar im Wiener Gemeindebezirk Floridsdorf \u2013, aber nirgendwo dauerten die Auseinandersetzungen l\u00e4nger als ein paar Stunden oder ein bis maximal zwei Tage. Die Regierungseinheiten gewannen rasch \u00fcberall die Oberhand.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist nicht der Platz, die Vorgeschichte, den Verlauf und die Hintergr\u00fcnde des sozialdemokratischen Februaraufstandes im Detail darzustellen. Nachfolgend soll auf einige wichtige, in der Historiographie strittige Punkte n\u00e4her eingegangen werden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der provozierte Aufstand<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Ernennung Hitlers zum deutschen Reichskanzler am 30. J\u00e4nner 1933 und die darauf folgende nationalsozialistische \u201eRevolution\u201c hatte auch die \u00f6sterreichische Politik in ihren Grundfesten ersch\u00fcttert. Die \u00f6sterreichischen Nationalsozialisten, die in den Jahren 1931 und 1932 betr\u00e4chtlich an Einfluss gewonnen hatten, r\u00fcttelten an die T\u00fcr der Macht. Die Sozialdemokraten hingegen gerieten heillos in die Defensive. Dollfu\u00df, dessen Regierung ohnehin seit ihrem Bestehen in gr\u00f6\u00dfter Bedr\u00e4ngnis war, nutzte eine Gesch\u00e4ftsordnungskrise des Nationalrates, um fortan mit Notverordnungen und ohne Parlament zu regieren. Er verhandelte vorerst mit den Nationalsozialisten, ohne dabei zu einem greifbaren Ergebnis zu kommen. Zugleich suchte und fand er R\u00fcckendeckung beim italienischen Diktator Mussolini. Das gelang, hatte aber einen hohen Preis.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Sozialdemokraten gegen\u00fcber zeigte sich Kanzler Dollfu\u00df spr\u00f6de, wies diese aber nie br\u00fcsk zur\u00fcck, sondern tat alles, um sie mit vagen Versprechungen hinzuhalten. Zugleich setzte er freilich weitere, die Situation stets eine Spur versch\u00e4rfende Schritte. \u201eDie Sozi haben sich alles gefallen lassen, wie sie sich sagen, es sind noch immer nicht die Nazi\u201c, bekundete er in einer Sitzung des christlichsozialen Klubvorstandes vom 3. Mai 1933. Manche w\u00fcrden ihn zu sch\u00e4rferen, rascheren Ma\u00dfnahmen dr\u00e4ngen. \u201eAber nichts geht den Sozi mehr auf die Nerven als diese gewisse langsame Taktik. Alles auf einmal bringt die Leute zum Kampf.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4testens seit August 1933, nachdem er im adriatischen Badeort Riccione mit Mussolini zusammengetroffen war, stand Dollfu\u00df unter starkem Druck aus Italien, endlich den entscheidenden Schlag gegen die Sozialdemokratie zu f\u00fchren. Am 11.&nbsp;September hielt er bei einer Kundgebung auf dem Wiener Trabrennplatz die von Mussolini geforderte gro\u00dfe programmatische Rede, in dem er sich zum autorit\u00e4ren Staat auf st\u00e4ndischer Grundlage bekannte und das Ende \u201emarxistischer Volksf\u00fchrung und Volksverf\u00fchrung\u201c verk\u00fcndete. Unnachgiebig und siegessicher zugleich gab er sich am 3. Oktober im christlichsozialen Klubvorstand: \u201eDie Sozi werden innerlich zusammenbrechen, ich bin genau informiert, immer am Laufenden. Wenn sie Dummheiten machen, werden wir mit aller Brutalit\u00e4t vorgehen. In den n\u00e4chsten f\u00fcnf Minuten ist Standrecht in \u00d6sterreich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In den folgenden Wochen setzte Dollfu\u00df seine Hinhaltetaktik fort. Nach einem Besuch des italienischen Unterstaatssekret\u00e4rs Fulvio Suvich in Wien Mitte J\u00e4nner 1934, intensivierten sich die Bem\u00fchungen des Dollfu\u00df-Regimes dann erkennbar. Systematisch wurde ab Ende J\u00e4nner in Geb\u00e4uden der SDAP und von sozialdemokratischen Kommunalverwaltungen nach Waffen gesucht, sukzessive die wichtigsten F\u00fchrer des Schutzbundes verhaftet. Am 8. und 9.&nbsp;Februar durchsuchte die Polizei das Geb\u00e4ude der sozialdemokratischen Parteileitung in Wien.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus zahlreichen weiteren Indizien f\u00fcr die intensiven Bem\u00fchungen, die Sozialdemokraten immer weiter in die Enge zu treiben und zu \u201eDummheiten\u201c zu provozieren, sei nur jene vielzitierte Rede des Sicherheitsministers und Heimwehrf\u00fchrers Emil Fey herausgegriffen, der am Sonntag, dem 11. Februar 1934 vor Angeh\u00f6rigen der Heimwehr verk\u00fcndete, man wolle am kommenden Tag \u201ean die Arbeit\u201c gehen und \u201eganze Arbeit leisten\u201c. Was genau damit gemeint war, erschlie\u00dft sich aus den vagen Andeutungen Feys nicht. Letztlich wirkten die mit drohendem Unterton gesprochene Worte aber wie der ber\u00fchmte Funke im Pulverfass. Und genau das war wohl damit beabsichtigt gewesen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Todesopfer<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Anzahl der aufgrund der Februark\u00e4mpfe get\u00f6teten Personen war viele Jahrzehnte lang eine offene Frage der \u00f6sterreichischen Geschichtsforschung. Zwar lagen offizielle Angaben des Dollfu\u00df-Regimes vor (118 Tote der Exekutive, 196 Tote des Schutzbundes), die aber stets angezweifelt wurden. Von 1000 bis 1200 (in einer kommunistischen Darstellung der K\u00e4mpfe), 1600 (Hitler in einem Interview) oder gar 1500 bis 2000 Toten (G.&nbsp;E.&nbsp;R. Gedye, einflussreicher linksgerichteter britischer Journalist) war die Rede. In vielen Publikationen der Zweiten Republik wurden diese Angaben ohne kritische Pr\u00fcfung fortgeschrieben. Daneben existierten allerdings seri\u00f6se Sch\u00e4tzungen namhafter Historiker, die von ungef\u00e4hr 340 bis 380 Todesopfern ausgingen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Autor des vorliegenden Beitrags befasste sich in den Jahren 2013\/14 im Rahmen eines vom Zukunftsfonds der Republik \u00d6sterreich gef\u00f6rderten Forschungsprojektes mit der namentlichen Erfassung s\u00e4mtlicher Toten, die als Opfer des Februaraufstandes zu werten sind. Es lassen sich insgesamt 357 infolge der K\u00e4mpfe ums Leben gekommene Personen ermitteln. Aufgrund einiger Unklarheiten sollte man aber besser von ungef\u00e4hr 350 bis 360 Toten sprechen. Diese Zahl liegt im Rahmen der erw\u00e4hnten seri\u00f6sen Sch\u00e4tzungen. Als \u00fcberraschend muss allerdings die Zusammensetzung der Opfer bezeichnet werden. Demnach sind 111 Tote dem Schutzbund und seinen Verb\u00fcndeten, 112 Tote der Exekutive (Polizei und Gendarmerie, Bundesheer, Wehrverb\u00e4nde) und 134 Tote der Seite der Nicht-Kombattanten (Unbeteiligte, Zufallsopfer) zuzurechnen, darunter 28 Frauen und f\u00fcnf Kinder.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u201eArbeiterm\u00f6rder\u201c Dollfu\u00df?<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Wurzeln dieses Fluchwortes liegen in den Vorg\u00e4ngen des Februar 1934. Gemeint ist damit zum einen der Einsatz der Artillerie des Bundesheeres gegen Wohnh\u00e4user \u2013 haupts\u00e4chlich die ikonischen Gemeindebauten des \u201eRoten Wien\u201c \u2013 w\u00e4hrend der K\u00e4mpfe, zum anderen die standrechtliche Hinrichtung von neun Februark\u00e4mpfern.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Vorwurf \u201eKanonen auf Arbeiterh\u00e4user\u201c: Dabei handelt es sich um das Framing eines historischen Vorgangs, der gerechterweise auch ganz anders gelesen werden kann. Denn schlie\u00dflich waren es die aufst\u00e4ndischen Schutzb\u00fcndler gewesen, die diese Wohnh\u00e4user mit Maschinengewehren, Karabinern, Handgranaten und \u00e4hnlichen Waffen besetzt, aus ihrem Schutz heraus auf die heranr\u00fcckende Polizei gefeuert und dieser schwere Verluste beigef\u00fcgt hatten. Das f\u00fchrte dazu, dass die Regierung \u2013 anstatt noch Hunderte Angeh\u00f6rige der Exekutive im offenen Anrennen gegen diese Festungen in den Tod zu schicken \u2013 gar nicht anders konnte, als die st\u00e4rkste, einzig wirklich \u00fcberlegene Waffe, die ihr zur Verf\u00fcgung stand, einzusetzen. Und das war nun einmal die Artillerie des Bundesheeres.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie sich bei n\u00e4herer Betrachtung zeigt, ging das Milit\u00e4r dabei durchaus ma\u00dfvoll vor, warnte die Hausbewohner in der Regel und gab ihnen ausreichend Zeit, sich in Sicherheit zu bringen. Zudem wurde die verwendete Munition so eingestellt, dass die verursachten Sch\u00e4den vergleichsweise gering waren. Insgesamt elf Personen kamen in direkter oder indirekter Folge des Artilleriebeschusses ums Leben (gerade drei Prozent aller Februartoten).<\/p>\n\n\n\n<p>Der Artillerieeinsatz f\u00fchrte in jedem Fall zur raschen Beendigung der jeweiligen K\u00e4mpfe vor Ort. Die ersten Detonationen und die damit verbundenen Ersch\u00fctterungen f\u00fchrten dazu, dass die Schutzb\u00fcndler sofort den Kampfplatz r\u00e4umten. Gerade durch diesen letztlich ma\u00dfvollen und taktisch geschickten Artilleriebeschuss wurde eine wesentlich h\u00f6here Zahl an Opfern auf beiden Seiten und unter Unbeteiligten verhindert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ungleich schwerer wiegt der zweite Vorwurf. Insgesamt hielten Standgerichte zwischen 14. und 26. Februar 1934 drei\u00dfig Verfahren wegen des Februar\u00adaufstandes ab. Die Gerichte sprachen 24 Todesurteile aus, neun davon wurden vollstreckt. Mit nichts setzte sich das Dollfu\u00df-Regime im Februar 1934 so sehr ins Unrecht als mit diesen \u00fcberhasteten, schlampig durchgef\u00fchrten Prozessen. Es ist nicht verfehlt, von einer \u00fcberzogenen, politisch \u00fcberaus unklugen Rachejustiz zu sprechen. Dass die Hinrichtungen zur \u201eAbschreckung\u201c, wie es hie\u00df, n\u00f6tig gewesen w\u00e4ren, ist nicht nachvollziehbar. Als die ersten Urteile am Abend des 14.&nbsp;Februar vollstreckt wurden, war der Aufstand im Grunde bereits zusammengebrochen. Verurteilte, die m\u00f6glicherweise durchaus verwerfliche Taten begangen hatten (Rauchenberger, Hoys, Ahrer, Bulgari), wurden wegen der drakonischen Urteile mit einem Mal zu M\u00e4rtyrern der Arbeiterbewegung.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Waren die Februark\u00e4mpfe ein B\u00fcrgerkrieg?<\/h2>\n\n\n\n<p>Im Zusammenhang mit den Ereignissen des Februar 1934 ist es in Medien, aber auch in der Fachliteratur seit Jahren \u00fcblich, von einem \u201eB\u00fcrgerkrieg\u201c zu sprechen. Die Fragw\u00fcrdigkeit dieser Bezeichnung wird allein schon dann offensichtlich, wenn man den Vergleich zu einem zeitnahen Ereignis wie dem Spanischen B\u00fcrgerkrieg zieht, der in jahrelangen schweren, feldm\u00e4\u00dfig gef\u00fchrten K\u00e4mpfen, die fast alle Teile des gro\u00dfen Landes ber\u00fchrten, Hunderttausende Todesopfer forderte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Auseinandersetzungen in \u00d6sterreich hingegen konzentrierten sich auf einige \u2013 l\u00e4ngst nicht alle \u2013 industrialisierten Teile des Landes, sie dauerten allerh\u00f6chstens vier Tage, die Zahl der Opfer lag bei 360 Toten, und es gelang den Aufst\u00e4ndischen nie, mehr als ein paar H\u00e4userblocks in Arbeitervierteln f\u00fcr einige Stunden zu kontrollieren. In diesem Sinne und in \u00dcbereinstimmung mit den g\u00e4ngigen Definitionen des internationalen Strafrechts und der Politikwissenschaft sind die Vorg\u00e4nge in \u00d6sterreich im Februar 1934 tats\u00e4chlich als <em>innere Unruhen<\/em> oder als <em>Aufstand,<\/em> aber keinesfalls als B\u00fcrgerkrieg zu werten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">K\u00e4mpften die Schutzb\u00fcndler f\u00fcr die Wiedererrichtung der parlamentarischen Demokratie?<\/h2>\n\n\n\n<p>Auf Dutzenden Gedenksteinen und Denkm\u00e4lern, die nach 1945 im Andenken an die Toten des Schutzbundes w\u00e4hrend des Februaraufstandes errichtet wurden, ist vom \u201eKampf f\u00fcr die Demokratie\u201c die Rede. Aber war es im Februar 1934 tats\u00e4chlich das Ziel der Aufst\u00e4ndischen, den alten verfassungsm\u00e4\u00dfigen Zustand wiederherzustellen und nach einem gewonnenen Kampf zur parlamentarischen Demokratie zur\u00fcckzukehren? Im einzigen \u00fcberlieferten direkten Kampfaufruf vom 12. Februar 1934, einer Extraausgabe des steirischen sozialdemokratischen Parteiorgans \u201eArbeiterwille\u201c, ist jedenfalls von Demokratie keine Rede, vielmehr wird zum \u201eEndkampf\u201c gegen Kapitalismus, Faschismus und f\u00fcr den Sozialismus aufgerufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Linken in der Sozialdemokratie \u2013 also diejenigen, die in der bedr\u00e4ngten Situation zwischen M\u00e4rz 1933 und Februar 1934 im Gegensatz zu den Zentristen und Rechten in der SDAP zum bewaffneten Kampf dr\u00e4ngten \u2013 dachten keineswegs daran, die parlamentarische Demokratie wiederherzustellen. Richard Bernaschek etwa pochte darauf, dass der Parlamentarismus durch die \u201eDiktatur des Proletariats\u201c ersetzt werden m\u00fcsse. Oder beispielsweise die linke Intellektuelle K\u00e4the Leichter im November 1933: Das Endziel des Kampfes gegen den Faschismus k\u00f6nne nicht die b\u00fcrgerliche Demokratie sein, sondern es gelte, die einmal gewonnene Macht mit \u201ediktatorischen Mitteln\u201c zu behaupten. Nur so sei man vor \u201eR\u00fcckschl\u00e4gen\u201c gesichert \u2013 n\u00e4mlich, dass in regelm\u00e4\u00dfigen freien Wahlen \u201eeine sozialistische Regierung unfehlbar wieder von einer b\u00fcrgerlichen abgel\u00f6st\u201c werde, weil man den B\u00fcrgerlichen \u201egro\u00dfherzig\u201c Spielraum zur Gegenagitation gelassen habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Unmittelbar nach dem Zusammenbruch des Aufstandes bediente sich schlie\u00dflich auch der ins tschechische Exil gefl\u00fcchtete Parteif\u00fchrer Otto Bauer einer \u00e4hnlichen Diktion: \u201eNicht die Wiederherstellung der b\u00fcrgerlichen Demokratie von gestern, sondern eine revolution\u00e4re Diktatur als \u00dcbergangsform zu einer echten, auf das Eigentum des Volkes an seinen Arbeitsmitteln und an seinem Arbeitsertrag gegr\u00fcndeten, also sozialistischen Demokratie ist unser Ziel.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab zweifellos gewichtige Stimmen in der SDAP, die f\u00fcr eine gemeinsame Anti-Hitler-Koalition mit Dollfu\u00df und f\u00fcr eine pluralistische Demokratie eintraten. Aber diese eher \u00e4lteren, gem\u00e4\u00dfigten und der Rechten innerhalb der Sozialdemokratie zuzurechnenden Parteif\u00fchrer waren nicht diejenigen, die einen bewaffneten Kampf bef\u00fcrworteten, sondern sie z\u00e4hlten zu jenen, die vor\u00fcbergehend sogar zu weiteren Zugest\u00e4ndnissen an Dollfu\u00df bereit waren.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der Aufstand, an den niemand glaubte<\/h2>\n\n\n\n<p>Der einzig namhafte sozialdemokratische F\u00fchrer, der sich am Aufstand des Schutzbundes beteiligte, war der steirische Nationalratsabgeordnete und Landesparteisekret\u00e4r Koloman Wallisch. Er tat es entgegen seiner inneren \u00dcberzeugung. Bevor es zu Mittag des 12.&nbsp;Februar 1934 in seiner politischen Heimat Bruck an der Mur losging, bekannte er seine Frau: \u201eIch bin \u00fcberzeugt davon, dass es ein organisierter Selbstmord ist, jetzt, da die Regierung bereits so \u00fcberaus stark mit Milit\u00e4r und Waffen und Munition ausger\u00fcstet ist.\u201c Richard Bernaschek, der den Aufstand ausl\u00f6ste, war in seinem B\u00fcro im Hotel Schiff verhaftet worden, bevor auch nur ein Schuss gefallen war. Vieles deutet darauf hin, dass ihn im entscheidenden Moment der Mut verlie\u00df, sosehr er auch vorher vollmundig zum bewaffneten Widerstand gedr\u00e4ngt hatte. Wenig heldenhaft verhielten sich auch die beiden F\u00fchrer des Aufstandes in Wien, Parteif\u00fchrer Otto Bauer und Schutzbundf\u00fchrer Julius Deutsch. W\u00e4hrend die K\u00e4mpfe noch in Gang waren, setzten sie sich in die Tschechoslowakei ab und lie\u00dfen die K\u00e4mpfer f\u00fchrungslos zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Manche Schutzbundf\u00fchrer zogen es vor unterzutauchen oder sich von der Polizei verhaften zu lassen, statt den aussichtslosen Kampf anzuf\u00fchren und in einen sinnlosen Tod zu gehen. Auch die defensive Verhaltensweise der meisten \u201eeinfachen\u201c K\u00e4mpfer, die sich h\u00e4ufig in Wohngeb\u00e4uden verschanzten, entsprach so gar nicht ihrem angeblichen Ziel, die Dollfu\u00df-Regierung st\u00fcrzen zu wollen. Das w\u00e4re nur durch \u00fcberfallsartiges, rasch zupackendes, in jedem Fall offensives Vorgehen m\u00f6glich gewesen. Bezeichnenderweise erkl\u00e4rte etwa Georg Strecha, einer der Schutzb\u00fcndler, die den Goethehof in Wien-Kaiserm\u00fchlen besetzt hatten, seinem j\u00fcngeren Bruder Valentin: \u201eDas ist eh klar, der ganze Einsatz da ist jetzt f\u00fcr nichts, au\u00dfer f\u00fcr das, dass sie nicht sagen k\u00f6nnen, wir haben kapituliert, ehrlos kapituliert. Aber herausschauen wird nichts.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Aber f\u00fcr die \u201eEhre\u201c der Sozialdemokratie sterben, wer wollte das wirklich? Die Mitglieder der Wiener Stadtregierung jedenfalls nicht. Sie warteten am Nachmittag des 12. Februar im Wiener Rathaus schicksalsergeben auf ihre Verhaftung. Keiner von ihnen w\u00e4re auf die Idee verfallen, das Rathaus durch den Schutzbund milit\u00e4risch sichern und verteidigen zu lassen. Auch andere gem\u00e4\u00dfigte f\u00fchrende SDAP-Funktion\u00e4re wie etwa Theodor K\u00f6rner, Karl Renner oder Oskar Helmer verhielten sich am 12.&nbsp;Februar so, dass sie m\u00f6glichst rasch festgenommen wurden, um nicht in den Verdacht geraten zu k\u00f6nnen, sie h\u00e4tten sich am Aufstand beteiligt und w\u00fcrden nun unter das Standrecht zu fallen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fazit<\/h2>\n\n\n\n<p>Was sind die Gr\u00fcnde f\u00fcr den raschen Zusammenbruch des Aufstandes? Es gibt ein B\u00fcndel von Ursachen, zwei sind besonders hervorzuheben.<\/p>\n\n\n\n<p>Erstens: Selbst die sch\u00e4rfste Waffe der Arbeiterbewegung, der Generalstreik, ist in Zeiten von Massenelend und Massenarbeitslosigkeit letztlich stumpf. Die Arbeitslosen und Elenden k\u00f6nnen nicht streiken und diejenigen, die noch Arbeit haben, werden sich im Normalfall h\u00fcten, ihre eigene und die Existenz ihrer Familie f\u00fcr die Beteiligung an einem solchen Unternehmen, dessen Ausgang selbst im besten Fall \u2013 einer weitgehend l\u00fcckenlosen Befolgung des Streikaufrufs \u2013 h\u00f6chst ungewiss sein musste, aufs Spiel zu setzen. (Otto Bauer und andere sozialdemokratische F\u00fchrer wussten das \u00fcbrigens ganz genau.)<\/p>\n\n\n\n<p>Zweitens: Wie sollte der Aufstand einer, wenngleich einigerma\u00dfen ad\u00e4quat ger\u00fcsteten, zahlenm\u00e4\u00dfig starken und von erfahrenen Frontoffizieren gef\u00fchrten, aber insgesamt l\u00e4ngst desillusionierten Amateurtruppe, wie es der Republikanische Schutzbund nun einmal war, gegen regul\u00e4re Einheiten des Milit\u00e4rs gelingen? Noch dazu, wo die geschlossene Unterst\u00fctzung aus der Arbeiterschaft h\u00f6chst ungewiss war \u2013 und tats\u00e4chlich, wie sich sofort zeigen sollte, fast vollst\u00e4ndig ausblieb. Nicht ohne Grund hatte General K\u00f6rner, der sp\u00e4tere Wiener B\u00fcrgermeister und \u00f6sterreichische Bundespr\u00e4sident, am 11.&nbsp;Februar, einen Tag vor Ausbruch der K\u00e4mpfe, Otto Bauer geradezu beschworen, einen bewaffneten Aufstand unter allen Umst\u00e4nden zu vermeiden. Zu schlecht sei die Moral der Truppe, und von einer revolution\u00e4ren \u201eErregung\u201c in der Bev\u00f6lkerung k\u00f6nne schon gar nicht die Rede sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich brach der von der SDAP-Parteileitung ausgerufene Streik, sofern er \u00fcberhaupt befolgt wurde, binnen k\u00fcrzester Zeit zusammen. Verheerend aus Sicht des Schutzbundes war vor allem, dass die Eisenbahnen unverdrossen fuhren, als w\u00e4re nichts passiert. Und selbst diejenigen, die sich zur Teilnahme am bewaffneten Kampf hinrei\u00dfen lie\u00dfen, fl\u00fcchteten in der Regel sofort von ihrem Posten, als ernsthafte Gefahr in Form der Kanonen des Bundesheeres drohte.<\/p>\n\n\n\n<p>Zweifellos stolperten die Sozialdemokraten in den Kampf hinein, ohne ihn wirklich gewollt und an seine Erfolgsaussichten geglaubt zu haben. Hunderte Todesopfer waren die Folge. Die Hauptverantwortung, dass es so weit gekommen war, lag allerdings eindeutig auf Seiten der Dollfu\u00df-Regierung und ihres zweifelhaften B\u00fcndnispartners, der faschistischen Heimwehrbewegung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ungeh\u00f6rt verhallte ein Appell des aufrechten, demokratisch gesinnten Christlichsozialen \u2013 und leider auch unverbesserlichen Antisemiten \u2013 Leopold Kunschak. Am 9.&nbsp;Februar 1934 sprach er sich im Wiener Gemeinderat ohne Wenn und Aber f\u00fcr eine Weggemeinschaft mit den Sozialdemokraten gegen den Nationalsozialismus aus und beendete seine Rede mit dramatischen, aber angemessenen Worten: \u201eGebe Gott, dass die Zerrissenheit des Geistes und der Seele von unserem Volke und seinen F\u00fchrern bald sich hebe, ehe Volk und Land an Gr\u00e4bern steht und weint.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Kurt Bauer: Der Februaraufstand. Fakten und Mythen. B\u00f6hlau Verlag, Wien, K\u00f6ln, Weimar 2019.<\/p>\n\n\n\n<p>Ernst Hanisch: Februar 1934: Mythen und Fakten. In: Beruf(ung): Archivar. Festschrift f\u00fcr Lorenz Mikoletzky. Teil II. Mitteilungen des \u00d6sterreichischen Staatsarchivs 55\/2011. S.&nbsp;1147\u20131159.<\/p>\n\n\n\n<p>Ausf\u00fchrliche Informationen zu den Februaropfern unter: <a href=\"http:\/\/www.kurt-bauer-geschichte.at\/forschung_februaropfer.htm\">http:\/\/www.kurt-bauer-geschichte.at\/forschung_februaropfer.htm<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Dr. Kurt Bauer (*1961), Historiker und langj\u00e4hriger Verlagslektor. Seine Dissertation befasste sich mit sozialgeschichtlichen Aspekten des nationalsozialistischen Juliputsches 1934. Er war seit 2007 Mitarbeiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts f\u00fcr Historische Sozialwissenschaften und seit 2019 des Ludwig-Boltzmann-Instituts f\u00fcr Kriegsfolgenforschung. Kurt Bauer setzte sich in mehreren Monographien zum Nationalsozialismus bzw. zum Juliputsch 1934 auseinander. Im Jahre 2019 ver\u00f6ffentlichte er das vielbeachtete Buch \u201eDer Februaraufstand 1934. Fakten und Mythen.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Februar 1934 \u2013 Fakten und Mythen Kurt Bauer[1] Der 12. Februar 1934 war ein Montag. 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