{"id":4469,"date":"2025-07-10T15:00:00","date_gmt":"2025-07-10T13:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/?p=4469"},"modified":"2025-07-08T11:59:59","modified_gmt":"2025-07-08T09:59:59","slug":"anmerkungen-zum-juli-abkommen-1936","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/?p=4469","title":{"rendered":"Anmerkungen zum \u201eJuli-Abkommen 1936\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Zur Aktualit\u00e4t eines aussichtslosen Kampfes um Unabh\u00e4ngigkeit von Prof. Dr. Johannes Sch\u00f6nner,\u00a0Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Karl von Vogelsang-Instituts<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Juli-Abkommen vom 11. Juli 1936 markiert bis heute die Schw\u00e4che eines Kleinstaates gegen\u00fcber dem Angriffsfuror eines feindlichen Nachbarn. Jahrelanger Terror, Sprengstoffanschl\u00e4ge und permanente Drohungen zwangen das autorit\u00e4r regierte \u00d6sterreich zu harten Kompromissen gegen\u00fcber dem nationalsozialistischen Deutschland. Hinzu kam ein wirtschaftlicher Druck, der nur mit Sanktionen und Erpressung zu beschreiben war. Die Intensit\u00e4t der deutschen Forderungen und Aggression begannen bereits 1933 mit der Macht\u00fcbernahme Hitlers. Sie steigerten sich seit 1934, als Hitlers Handlanger in Wien Engelbert Dollfu\u00df ermordeten und nur durch Aufbieten aller staatlichen Kr\u00e4fte niedergek\u00e4mpft werden konnten.<br><br>Je nach ideologischer F\u00e4rbung beklagen B\u00fcrgerliche bis heute den marxistischen Universalismus der Sozialdemokratie, der gegen\u00fcber dem St\u00e4ndestaat mehr Abscheu zeigte als gegen\u00fcber dem Nationalsozialismus (Bruno Kreisky) und deren F\u00fchrung von einer \u201eDiktatur des Proletariats\u201c tr\u00e4umte. W\u00e4hrend die Sozialdemokraten nach ihrem gescheiterten Aufstand im Februar 1934 die Auseinandersetzung zwischen dem autorit\u00e4ren St\u00e4ndestaat und dem Nationalsozialismus im Untergrund abwarteten und deren Kader beide rivalisierende Systeme heftig ablehnten. Was im \u00dcbrigen nicht verhindern konnte, dass die NS-Agitation auch bei jungen Arbeitern, Angestellten und auch in der lohnabh\u00e4ngigen Landarbeiterschaft von Jahr zu Jahr erfolgreicher wurde und st\u00e4ndig mehr Sympathisanten fand.<br><br>Das Juli-Abkommen war im Grunde das Eingest\u00e4ndnis des bevorstehenden Scheiterns. Als direkte Auswirkungen des Abkommens m\u00fcssen neben dem Fall der \u201e1000-Mark-Sperre\u201c und den sich normalisierenden Wirtschaftsbeziehungen, der damit verbundenen erh\u00f6hten deutschen Durchdringung des \u00f6sterreichischen Wirtschaftslebens, auch die Ernennungen von Edmund Glaise-Horstenau und Guido Schmidt zu Mitgliedern der Bundesregierung in Wien angesehen werden. Damit hatten die \u201ebetont Nationalen\u201c Schl\u00fcsselpositionen erreicht, die fortan eine Politik g\u00e4nzlich an Berlin vorbei nicht mehr zulie\u00df. Wenngleich mit dem Abkommen die faschistische und Italien-freundliche Heimwehrbewegung unter Starhemberg endg\u00fcltig entmachtet worden war. Hitler setzte sich hinsichtlich der \u201eweitreichenden politischen Amnestie\u201c f\u00fcr \u00f6sterreichische Nationalsozialisten durch. Die erhoffte \u201einnere Befriedung\u201c hielt dem folgenden Ansturm nicht stand.<br><br>Welche Erkenntnis bleibt also?<br><br>Ein kleiner Staat wird international zum Spielball, internationale Unterst\u00fctzungserkl\u00e4rungen waren oftmals das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben waren. Schlie\u00dflich zeigte die Zeitspanne um das Juli-Abkommen 1936 auch klar, dass der gr\u00f6\u00dfte Feind oftmals nicht au\u00dferhalb, sondern innerhalb der Grenzen stand. Ohne der \u00f6sterreichischen Nationalsozialisten h\u00e4tte Hitler keines seiner Ziele hier erreichen k\u00f6nnen. Bemerkenswert erscheint auch ein Blick auf die Jugend, hier speziell auf die Schulen. Gerade die Jungen lehnten zunehmend die \u00d6sterreich-Ideologie des St\u00e4ndestaates ab und empfanden \u201egro\u00dfdeutsch\u201c. Wer die Schulen dominiert, dem geh\u00f6rt \u2013 dieser Satz ist zeitlos &#8211; in ein paar Jahren das Land. Das traf auch auf Wien zu: Selbst die sozialdemokratische F\u00e4rbung der Wiener Schulen (Otto Gl\u00f6ckel) machte nicht immun gegen NS-Propaganda. Der Fanatismus, die kalkulierte Unbeherrschtheit und der \u201eReiz des Neuen\u201c f\u00fchrte &#8211; zus\u00e4tzlich zu anderen bekannten Motiven (Arbeitslosigkeit) &#8211; viele Jugendliche ins Lager des Nationalsozialismus.<br><br>Dennoch: Der St\u00e4ndestaat, obzwar undemokratisch und autorit\u00e4r, k\u00e4mpfte f\u00fcr \u00d6sterreichs Unabh\u00e4ngigkeit und Selbstst\u00e4ndigkeit. Somit ist es falsch die Opferthese generell als \u201eLebensl\u00fcge\u201c abzutun. Das Juli-Abkommen ist ein Beleg f\u00fcr die eigene Schw\u00e4che, aber auch f\u00fcr den Versuch, auf Zeit zu spielen und solcherart eine Trendumkehr zu erm\u00f6glichen. Ebenso ist das Abkommen ein Vorwurf an alle internationalen M\u00e4chte, die \u00d6sterreich im Stich lie\u00dfen und schlie\u00dflich diesen Vertrag f\u00fcr Wien \u00fcberhaupt erst notwendig machte.<br><br>Die \u201eStresa-Front\u201c, vollmundig im Fr\u00fchjahr 1935 von den Westm\u00e4chten und von Italien gegen Hitler-Deutschland verk\u00fcndet, war nicht mehr sp\u00fcrbar. Folglich f\u00fchrte der \u201eJuli 1936\u201c direkt zum \u201eM\u00e4rz 1938\u201c. Gerade in dieser Hinsicht k\u00f6nnte sich die Aktualit\u00e4t zu zahlreichen gegenw\u00e4rtigen Entwicklungen zeigen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Aktualit\u00e4t eines aussichtslosen Kampfes um Unabh\u00e4ngigkeit von Prof. Dr. Johannes Sch\u00f6nner,\u00a0Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Karl von Vogelsang-Instituts Das Juli-Abkommen vom 11. 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