{"id":4079,"date":"2024-03-11T10:08:54","date_gmt":"2024-03-11T09:08:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/?p=4079"},"modified":"2025-07-08T11:50:14","modified_gmt":"2025-07-08T09:50:14","slug":"kommentar-von-kvvi-gf-schoenner-jetzt-is-er-weg-der-dollfuss","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/?p=4079","title":{"rendered":"Kommentar von KVVI-GF Sch\u00f6nner: &#8220;Jetzt is&#8217; er weg, der Dollfu\u00df!&#8221;"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>&#8220;Jetzt is&#8217; er weg, der Dollfu\u00df!&#8221;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mit \u00fcberaus gro\u00dfem Bedauern haben manche Historiker auf die Entnahme der Leihgaben des Dollfu\u00df-Museums im Mostviertel durch die N\u00d6 Landessammlungen reagiert. Nur zur Verdeutlichung des bisher Geschehenen: Die privaten Leihgaben wurden aus einem lokalen Heimatmuseum in die einstweilige Verwahrung der Landessammlungen \u00fcbernommen. Der zum Teil heftige Aufschrei stellte &#8211; f\u00fcr einige \u00fcberraschend, f\u00fcr viele nicht \u00fcberraschend &#8211; eindrucksvoll unter Beweis, dass links sozialisierte Publizisten und Historiker oftmals leidenschaftlicher an einem &#8220;pr\u00e4senten Dollfu\u00df-Verm\u00e4chtnis&#8221; h\u00e4ngen, als dies bei dem sogenannten &#8220;b\u00fcrgerlichen Element&#8221; in diesem Land der Fall ist. Wie ist dies m\u00f6glich? Stehen nicht alle nichtsozialistischen Kr\u00e4fte per se unter Generalverdacht, Dollfu\u00df-Verkl\u00e4rer und Apologeten der seinerzeitigen Dollfu\u00df\/Schuschnigg-Zeit zu sein? Ein kurzer Befund der aktuellen Betrachtung zu diesem Thema auf b\u00fcrgerlicher Seite erscheint sinnvoll. Seit Jahrzehnten wurde die \u00f6sterreichische Zwischenkriegszeit verst\u00e4rkt einer selbstkritischen Reflexion unterzogen. Man wird den Begriff &#8220;Heldenkanzler&#8221; als positiven Terminus vergebens suchen. L\u00e4ngst erscheint die \u00fcberf\u00e4llige Abnahme des Gem\u00e4ldes von Engelbert Dollfu\u00df im \u00d6VP-Parlamentsklub in Wien als Common Sense. Es herrscht bei allen bekannten b\u00fcrgerlichen Historikern und relevanten Mandataren die absolute \u00dcberzeugung vor, dass die politischen Weichenstellungen durch Dollfu\u00df der Jahre 1932 bis 1934 mit dem parlamentarischen Verst\u00e4ndnis der Gegenwart unvereinbar sind. Hinzu kommen die verh\u00e4ngten Todesurteile gegen Anf\u00fchrer der sozialdemokratischen Februaraufst\u00e4nde, die politisch und vor allem menschlich nur als Katastrophe gelten k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle historischen Fakten liegen am Tisch, und sind f\u00fcr alle Interessierten seit Jahrzehnten sichtbar. Das betrifft in- und ausl\u00e4ndische Quellen. Alleine die Bewertung zeigt den Unterschied. Die \u00d6VP k\u00f6nnte im Grunde diese historische Debatte ohne allzu gro\u00dfe Emotion verfolgen, denn als Neugr\u00fcndung des Jahres 1945 kn\u00fcpfte die Volkspartei inhaltlich und &#8211; zu einem nicht unbetr\u00e4chtlichen Teil &#8211; auch personell nicht an die Christlichsoziale Partei oder die folgende Einheitsbewegung &#8220;Vaterl\u00e4ndische Front&#8221; an. Leopold Figl betonte bereits beim ersten Bundesparteitag 1947, dass sich die neue Volkspartei von den Vorg\u00e4ngen des Jahres 1934 distanziert, diese als \u00fcberwunden ansieht und nur im Miteinander eine Zukunft f\u00fcr das Land erkennt. Die Sozialdemokratie des Jahres 1945 sah sich&nbsp;&#8211; aus mehrerlei Gr\u00fcnden &#8211; in direkter Kontinuit\u00e4t zur fr\u00fcheren SDAP.<\/p>\n\n\n\n<p>An dieser Stelle soll dezidiert darauf verwiesen werden, dass SP\u00d6 und \u00d6VP bereits im Februar 1964, repr\u00e4sentiert durch die beiden Zeitzeugen Alfons Gorbach und Bruno Pittermann, von eigenen beidseitigen Fehlern im Jahre 1934 gesprochen haben, und ausschlie\u00dflich nur darin ein \u00dcberwinden der bestehenden Gr\u00e4ben f\u00fcr m\u00f6glich hielten. Weshalb bleibt es nun auf b\u00fcrgerlicher Seite nicht still? Einzig die linken Versuche, die Dollfu\u00df\/Schuschnigg-Regierung als direkten Wegbereiter zum Nationalsozialismus zu deuten, fordert einen kompromisslosen Widerspruch des nichtsozialistischen Lagers heraus. Man erkennt die Absicht und ist verstimmt. Es ist die Unterstellung, dass der Faschismus als Ph\u00e4nomen der Zwischenkriegszeit personell wie inhaltlich in \u00d6sterreich den Boden f\u00fcr den Nationalsozialismus vorbereitete. Dem Sozialdemokraten Anton Pelinka sei Dank f\u00fcr die Strukturierung und Einordnung des Begriffes &#8220;Faschismus&#8221;. Man muss nicht mit jeder seiner Schlussfolgerungen einverstanden sein, um die Notwendigkeit einer grunds\u00e4tzlichen Abstufung von \u201eFaschismen\u201c f\u00fcr sinnvoll und notwendig zu erachten. Die unverhohlene sozialdemokratische Zielsetzung einen \u201eneuen Menschen\u201c schaffen und den kulturellen Bildungskanon durch sozialistische Priorit\u00e4ten absolut ersetzen zu wollen, sch\u00fcrte die Angst vor einer realen \u201eBolschewisierung\u201c in \u00d6sterreich. Die Drohung mit einem Generalstreik als Ultimo Ratio der Sozialdemokratie wird dar\u00fcber hinaus nicht dem Bild gerecht, alle politischen Auseinandersetzungen im Parlament f\u00fchren zu wollen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die aktuellen Angriffe sollen die b\u00fcrgerlichen, politischen Kr\u00e4fte in eine anhaltende Rechtfertigungssituation bringen. Weshalb eigentlich? War es nicht vielmehr die \u00f6sterreichische Sozialdemokratie, die l\u00e4ngstens ab 1932 ein gewisses Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die S\u00e4uberungen unter Josef Stalin in der Sowjetunion hatte und hier besonders dem Holodomor in der Ukraine (vielleicht heute sogar aktueller als das Thema Dollfu\u00df!) Verst\u00e4ndnis entgegenbrachte? Leitartikel in der sozialdemokratischen Arbeiterzeitung lassen hier keine Zweifel bestehen. F\u00fcr zahlreiche sozialdemokratische Funktion\u00e4re f\u00fchrte die Politik in \u00d6sterreich \u00fcber den (ideologischen) Umweg nach Moskau. Dass nach der Niederschlagung des Februar-Aufstandes sozialistische K\u00e4mpfer und linke Agitatoren zu Hunderten auch real in die Sowjetunion fl\u00fcchteten, hatte einen Grund. Diese Sympathie betraf nicht nur die \u201eRevolution\u00e4ren Sozialisten\u201c, sondern auch linke Sozialdemokraten. Die aktuelle Betrachtung der Pers\u00f6nlichkeit von Engelbert Dollfu\u00df ist um eine ehrliche Facette reicher, wenn man den Austromarxismus nicht nur als eine intellektuelle Spielart betrachtet. Zumindest nicht ausschlie\u00dflich. Vielmehr brachten marxistische Strategie\u00fcberlegungen zur Erringung der Macht, auch eine Gewaltbereitschaft auf linker Seite zum Vorschein, die jetzt gerne ausgeblendet wird. F\u00fcr eine Partei, die sich mantraartig als immerw\u00e4hrend &#8220;auf der richtigen Seite der Geschichte&#8221; stehend verortet, ist dies eine bemerkenswerte Position. Die augenscheinliche Krise der Zwischenkriegszeit erreichte in den fr\u00fchen 1930er Jahren ihren leidenschaftlichen H\u00f6hepunkt. Beide gro\u00dfen politischen Lager befanden sich in einem Spannungsfeld der moderaten Parteig\u00e4nger und der extremen Positionen. Beide Lager mussten ihre R\u00e4nder in Zaum halten, deren Protagonisten eine klare Entscheidung suchten. Nur zur Erinnerung: Im Februar 1934 hielten die Linken in der SDAP\u00d6 sich nicht mehr an die Parteidisziplin und schlugen ohne ausdr\u00fcckliche Genehmigung der Parteif\u00fchrung in Wien zu und griffen zur Gewalt. Der Historiker Kurt Bauer skizzierte in seinem vor wenigen Jahren erschienen Buch \u201eDer Februaraufstand 1934\u201c diesen Umstand fakten- und quellenreich.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht nicht darum, einzelne Personen (und deren museale Relikte) \u201eabzuwickeln\u201c, zu d\u00e4monisieren und schon gar nicht, in Einzelbereichen zu rehabilitieren. Es geht darum, Motive \u2013 ehrliche wie verwerfliche \u2013 ungesch\u00f6nt zu benennen. Die Bereitschaft auch eigene Vers\u00e4umnisse zu benennen, z\u00e4hlt dazu.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur laufenden wissenschaftlichen Debatte zur Einordnung der Pers\u00f6nlichkeit des Engelbert Dollfu\u00df hat KVVI-GF Prof. Dr. Johannes Sch\u00f6ner einen Kommentar mit dem Titel &#8220;&#8221;Jetzt is&#8217; er weg, der Dollfu\u00df!&#8221; verfasst. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1866,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18,32],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4079"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4079"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4079\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4080,"href":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4079\/revisions\/4080"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1866"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4079"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4079"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4079"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}