{"id":4075,"date":"2024-02-19T09:11:28","date_gmt":"2024-02-19T08:11:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/?p=4075"},"modified":"2024-02-19T09:12:00","modified_gmt":"2024-02-19T08:12:00","slug":"gastkommentar-prof-schausberger-im-der-standard-17-02-2024-februar-1934-wir-waren-doch-schon-viel-weiter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/?p=4075","title":{"rendered":"Gastkommentar Prof. Schausberger im &#8220;Der Standard&#8221; 17.02.2024: Februar 1934: Wir waren doch schon viel weiter!"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Februar 1934: Wir waren doch schon viel weiter!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hier die Guten \u2013 dort die B\u00f6sen? Die SP\u00d6 will alte Gr\u00e4ben aufrei\u00dfen. Wieso nur? Einstige Ann\u00e4herungen scheinen vergessen. Es w\u00e4re an der Zeit, eine gemeinsame Geschichtsschreibung zu versuchen<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Der ehemalige Salzburger Landeshauptmann und Historiker Franz Schausberger pl\u00e4diert in seinem Gastkommentar f\u00fcr ein gemeinsames Gedenken von SP\u00d6 und \u00d6VP an das Jahr 1934.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Vor allem von sozialdemokratischen Politikern wurde in den letzten Tagen wieder einmal (zum wievielten Mal) die Erinnerung an die Februar-Ereignisse des Jahres 1934 zu pathetischen Erkl\u00e4rungen gen\u00fctzt: hier die Guten \u2013 dort die B\u00f6sen. Der nieder\u00f6sterreichische SP\u00d6-Parteivorsitzende peitschte seine Zuh\u00f6rerschaft in W\u00f6llersdorf mit der Ansage auf, man werde nicht vergessen, dass es die &#8220;Vorl\u00e4ufer der \u00d6VP&#8221; waren, die die erste Diktatur in \u00d6sterreich errichteten. Was soll das bringen?<\/p>\n\n\n\n<p>Man spricht zwar davon, dass man Hass und Spaltung verhindern wolle, legt aber gleichzeitig ein polarisierendes Sch\u00e4uflein nach. Und wirft Austrofaschismus und Nationalsozialismus gleich in einen Topf, mit der Absicht, die heutige \u00d6VP anzusch\u00fctten. Wir sind schon einmal viel weiter gewesen: 1964 standen \u00d6VP-Bundeskanzler Alfons Gorbach (kam schon im ersten Prominententransport 1938 ins KZ Dachau) und SP\u00d6-Vizekanzler Bruno Pittermann gemeinsam vor der Gedenkst\u00e4tte der Opfer des Februar 1934 und besiegelten mit einem H\u00e4ndedruck, gemeinsam alles tun zu wollen, damit solche Ereignisse nicht mehr vork\u00e4men. Gorbach sprach von &#8220;Mut zur Selbstkritik&#8221; und Pittermann von &#8220;aus Irrt\u00fcmern lernen&#8221;.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"\/?_task=mail&amp;_id=38402027765d30b6511785&amp;_action=display-attachment&amp;_file=rcmfile1295301708329829022468200\" alt=\"Gedenken 1934 \u00d6VP SP\u00d6\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Im Jahr 2014 gab es ein gemeinsames Gedenken an den Februar 1934: der damalige Bundeskanzler Werner Faymann (SP\u00d6, re.) und sein Vize Michael Spindelegger (\u00d6VP) auf dem Zentralfriedhof. Foto: Cremer<\/p>\n\n\n\n<p>In gleicher Weise versicherten einander dies der SP\u00d6-Bundeskanzler Werner Faymann und sein \u00d6VP-Vize Michael Spindelegger 2014 bei einem gemeinsamen Gedenkakt. Heuer schloss die SP\u00d6 dezidiert ein gemeinsames Gedenken mit der \u00d6VP aus. F\u00fcr die \u00d6VP erkl\u00e4rte Klubobmann August W\u00f6ginger, dass &#8220;der Umgang mit der Geschichte immer von einem sachlichen Zugang aus und nicht von Zorn geleitet&#8221; erfolgen solle. Man m\u00f6ge bedenken, dass es neben einem &#8220;Entweder-oder&#8221; auch ein &#8220;Sowohl-als-auch&#8221; geben k\u00f6nne.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Portr\u00e4t entfernt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als &#8220;Koalitionsgeschichtsschreibung&#8221; werden die Bem\u00fchungen abqualifiziert, diese b\u00f6sen Phasen der \u00f6sterreichischen Geschichte gemeinsam aufzuarbeiten. Die Folge ist eine neuerlich st\u00e4rkere parteipolitische Instrumentalisierung dieser Periode der \u00f6sterreichischen Geschichte durch \u2013 man verzeihe \u2013 historisch nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig sattelfeste Politiker vor allem der Linken, unterst\u00fctzt durch das Streben j\u00fcngerer Historiker nach Profilierung entlang des linken Mainstreams.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Seite der \u00d6VP wurde schon einiges entsch\u00e4rft: Das Portr\u00e4t des umstrittenen Kanzlers Engelbert Dollfu\u00df wurde aus dem Parlamentsklub entfernt, Bundeskanzler Karl Nehammer erkl\u00e4rte schon im Dezember 2021, dass er mit dem Begriff Austrofaschismus auch im Hinblick auf den Austromarxismus kein wirkliches Problem habe. Und dass die vollstreckten Todesurteile absolut inakzeptabel seien. Das Dollfu\u00df-Geburtshaus wurde geschlossen, die ausgestellten Gegenst\u00e4nde den Eigent\u00fcmern auf deren Wunsch zur\u00fcckgegeben. Ist es so schwer, solche Haltungen auch einmal als positiv zu bewerten?<\/p>\n\n\n\n<p>Ist es trotz aller Bedenken gegen ihn so schwer anzuerkennen, dass Dollfu\u00df im Kampf gegen den nationalsozialistischen Terror von den Nazi-Putschisten ermordet wurde? Ist es wirklich zielf\u00fchrend, sich in jahrelangen hochtheoretischen Diskussionen an der Frage zu ereifern, ob das Dollfu\u00df-Regime nun austrofaschistisch, halbfaschistisch, regierungs- oder kanzlerdiktatorisch zu bezeichnen sei? Ist nicht aus heutiger Sicht alles gleich abzulehnen? Waren nicht in Europa weitere 13 L\u00e4nder Diktaturen? K\u00f6nnte man vielleicht auch von der linken Seite einmal eingestehen, dass es ein Fehler war, die Angebote von Ignaz Seipel (1931) und Dollfu\u00df (1932) zur Zusammenarbeit abzulehnen und auf Neuwahlen zu bestehen, weil man hoffte, dass durch ein starkes Anwachsen der Nazis die Christlichsoziale Partei an die dritte und die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) an die erste Stelle rutschen w\u00fcrde? Oder dass man seitens der Sozialdemokratie ehrlicherweise gar nicht zur\u00fcck zur parlamentarischen Demokratie wollte, sondern endlich zur &#8220;Diktatur des Proletariats&#8221; (Richard Bernaschek)?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lehren ziehen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht k\u00f6nnte man sich sowohl in der Wissenschaft als auch in der Politik auf die Ergebnisse der soliden und auf Fakten basierenden Forschungsergebnisse von Kurt Bauer einigen, wonach die Vorg\u00e4nge in \u00d6sterreich im Februar 1934 tats\u00e4chlich als innere Unruhen oder als Aufstand, aber keinesfalls als B\u00fcrgerkrieg (wie etwa in Spanien) zu werten sind. Das macht die Sache zwar nicht besser, nimmt aber doch Sch\u00e4rfe aus der Diskussion.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden Lager, die sich damals erbittert gegen\u00fcberstanden, haben durch das gemeinsame Leiden im Nationalsozialismus Demokratie gelernt und sich klar als Demokraten erwiesen. Mir erscheint es v\u00f6llig sinnlos, sich heute an diesen Themen zu erhitzen. Im Gegenteil: Es w\u00e4re h\u00f6chst an der Zeit, Historikerinnen und Historiker aller Provenienzen zusammenzuholen, um zu gemeinsamen Bewertungen und Begriffen zu kommen, die dann von allen politischen Gruppierungen, gleich ob in Regierungsverantwortung oder nicht, akzeptiert werden k\u00f6nnen. Das w\u00fcrde erlauben, wichtige Lehren f\u00fcr die Zukunft zu ziehen. (Franz Schausberger, 17.2.2024)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Franz Schausberger<\/strong>\u00a0ist Universit\u00e4tsprofessor f\u00fcr Neuere \u00d6sterreichische Geschichte und Pr\u00e4sident des Karl-von-Vogelsang-Instituts. Von 1996 bis 2004 war er Landeshauptmann von Salzburg.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.derstandard.at\/story\/3000000207851\/februar-1934-8211-wir-waren-doch-schon-viel-weiter\">>>Zum Standard-Kommentar<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem Gastkommentar in &#8220;Der Standard&#8221;  vom 17.02.2024 beleuchtet KVVI-Pr\u00e4sident Prof. Schausberger die politische Debatte rund um die Geschehnisse im Februar 1934 unter dem Titel &#8220;Febraur 1934 &#8211; Wir waren doch schon viel weiter!&#8221;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4076,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4075"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4075"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4075\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4078,"href":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4075\/revisions\/4078"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/4076"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4075"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4075"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4075"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}