{"id":3070,"date":"2021-05-11T15:24:12","date_gmt":"2021-05-11T13:24:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/?p=3070"},"modified":"2021-05-11T15:39:53","modified_gmt":"2021-05-11T13:39:53","slug":"schauberger-schoenner-lueger-muss-weg-visionen-aus-1984-gastbeitrag-die-presse-10-05-2021","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/?p=3070","title":{"rendered":"Schauberger \/ Sch\u00f6nner: Lueger muss weg! Visionen aus \u201e1984 (Gastbeitrag &#8220;Die Presse&#8221;, 10.05.2021)"},"content":{"rendered":"\n<p>Der Umgang mit Geschichte w\u00fcrde \u00e4u\u00dferstes Feingef\u00fchl und die F\u00e4higkeit zur Differenzierung bed\u00fcrfen. Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft : Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit\u201c, so hei\u00dft es in George Orwell\u2019s Roman \u201e1984\u201c. Neben \u201eNewspeak\u201c, der von oben verordneten ideologisch konformen Ver\u00e4nderung der Sprache, ist der Versuch, die Vergangenheit nach ideologischen Gesichtspunkten zu korrigieren, eine der offensichtlichsten Parallelen von \u201e1984\u201c zu unserer modernen Gesellschaft.<br><br>In bester Tradition von \u201eNewspeak\u201c wird der Abriss der Lueger-Statue gefordert und im weiteren Sinne die Zerst\u00f6rung des \u00f6ffentlichen Ged\u00e4chtnisses an seine Leistungen f\u00fcr Wien. \u00dcbrig bleiben soll eine Karikatur des primitiven antisemitischen Hetzers. Die selektive Auswahl, welche Gr\u00f6\u00dfen der Vergangenheit von ihrem Thron zu sto\u00dfen sind und welche nicht, entlarvt das Gerede rund um den Sturz Luegers als das, was es ist : Als zutiefst ideologische Politik einer linken NGO.<br><br>Dabei w\u00fcrde der Umgang mit Geschichte \u00e4u\u00dferstes Feingef\u00fchl und die F\u00e4higkeit zur Differenzierung und historischen Einordnung bed\u00fcrfen. Lueger, Renner und Tandler waren bedeutende Politiker, die Gro\u00dfes geleistet haben. Aber sie waren auch Kinder ihrer Zeit und hatten menschliche wie politische Schw\u00e4chen, die im Hinblick auf das Grauen des Holocaust (ein halbes Jahrhundert sp\u00e4ter) eine sorgf\u00e4ltige Betrachtung verdienen. Deshalb sind die erkl\u00e4renden Hinweistafeln beim Lueger-Denkmal zu begr\u00fc\u00dfen und \u00fcberall dort, wo Renner und Tandler geehrt werden, umgehend anzubringen. Noch viel schwerer wiegt das irrwitzige Anbiedern jener Politiker an Hitler, die ihn und seine Verbrechen bereits kannten.<br><br>Das Lueger-Denkmal wurde 1926 durch die Entscheidung des sozialdemokratischen B\u00fcrgermeisters Karl Seitz am heutigen Platz aufgestellt. Das Denkmal selbst wurde ausschlie\u00dflich von privaten Spenden finanziert, den hohen Sockel finanzierte die rote Wiener Stadtverwaltung. Der Appell von Karl Seitz \u2013 \u201eM\u00f6gen k\u00fcnftige Generationen sich vor diesem Denkmal eines wichtigen Abschnitts in der Geschichte Wiens erinnern\u201c \u2013 erhielt in Anwesenheit der gesamten sozialdemokratischen Prominenz lebhaften Beifall von allen Seiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Beifall von allen Seiten<br><br>Frei von jedem Verdacht, Luegers antisemitische Rhetorik besch\u00f6nigen zu wollen, schrieb der j\u00fcdische Journalist Stefan Gro\u00dfmann in der \u201eArbeiter-Zeitung\u201c einen bemerkenswerten Nachruf auf Lueger. Im Hinblick auf Luegers angeblichen Antisemitismus kommt er zu folgendem Res\u00fcmee: \u201eAm wenigsten fest sa\u00dfen seine antisemitischen Gesinnungen in ihm. Der j\u00fcdische Historiker Isak Arie Hellwing urteilt in seiner Studie \u00fcber den konfessionellen Antisemitismus: Lueger war nie \u00fcberzeugter Antisemit.\u201c<br><br>In einem besch\u00f6nigenden Kommentar zu Karl Renner stellte die 2. Pr\u00e4sidentin des Nationalrats Doris Bures k\u00fcrzlich fest : \u201eEine Bewertung blo\u00df aus heutiger Sicht, in Wohlstand und angenehmer demokratischer Sicherheit, sowie ohne seri\u00f6se historische Einordnung vorzunehmen, muss klarerweise zu verzerrten und selbstgef\u00e4lligen Beurteilungen f\u00fchren.\u201c Dem kann zugestimmt werden. Allerdings: Dies darf nicht nur f\u00fcr den roten \u201eS\u00e4ulenheiligen\u201c gelten, sondern muss auch Kriterium f\u00fcr andere historische Pers\u00f6nlichkeiten sein.<br><br>So bleibt zu hoffen, dass sich die Stadt Wien in dieser Frage nicht von parteipolitischer Emotionalit\u00e4t und juvenilem Aktionismus treiben l\u00e4sst, sondern von sachlichem Abw\u00e4gen historisch fundierter Argumente.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Franz Schausberger<\/strong>, Dr. phil. Univ.-Prof. f\u00fcr Neuere \u00d6sterreichische Geschichte, Pr\u00e4sident des Karl von Vogelsang Instituts, einst Landeshauptmann von Salzburg.<br><strong>Hannes Sch\u00f6nner, <\/strong>Dr. phil. Historiker, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des K. v. Vogelsang Inst..<\/p>\n\n\n\n<p><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.diepresse.com\/5978080\/lueger-muss-weg-visionen-aus-bdquo1984ldquo?from=rss\" target=\"_blank\">. >>Zum &#8220;Die Presse&#8221;-Artikel<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Umgang mit Geschichte w\u00fcrde \u00e4u\u00dferstes Feingef\u00fchl und die F\u00e4higkeit zur Differenzierung bed\u00fcrfen. Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft : Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit\u201c, so hei\u00dft es in George Orwell\u2019s Roman \u201e1984\u201c. 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