{"id":2840,"date":"2020-12-01T14:46:55","date_gmt":"2020-12-01T13:46:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/?p=2840"},"modified":"2020-12-01T14:50:08","modified_gmt":"2020-12-01T13:50:08","slug":"stellungnahme-des-karl-von-vogelsang-instituts-zur-historischen-einordnung-karl-luegers","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/?p=2840","title":{"rendered":"Stellungnahme des Karl von Vogelsang-Instituts zur historischen Einordnung Karl Luegers"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Franz Schausberger, Hannes Sch\u00f6nner<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Einen Tag nach dem Tod Karl Luegers, am 11. M\u00e4rz 1910, erschien in der sozialdemokratischen Arbeiter-Zeitung ein bemerkenswert positiv ausgewogener Nachruf, der im dem Satz gipfelte: \u201e<em>Er hat uns nicht geschadet<\/em>.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Unter dem Eindruck der aktuellen Diskussion um das Lueger-Denkmal ein \u00fcberraschender Satz. Gemeint war wohl damit der Umstand, dass die \u00f6sterreichische Sozialdemokratie gleichsam f\u00fcr den Gegner Lueger dankbar war.<\/p>\n\n\n\n<p>Ab dem Ende der 1880-er Jahre stand sowohl bei den Christlichsozialen Luegers als auch bei den Sozialdemokraten das Werben um das politische Erbe des deutschliberalen Machtgef\u00fcges im Vordergrund. Lueger gewann diese Auseinandersetzung, wie so viele weitere K\u00e4mpfe mit der Sozialdemokratie, was diese nachhaltig schmerzte. Vor allem, wenn man bedenkt, dass zahlreiche F\u00fchrer der Sozialdemokratie selbst Juden und zugleich \u2013 wenigstens in ihrer Jugend \u2013 Mitglieder deutschnational-liberaler Vereine und Burschenschaften waren. Kein Widerspruch in der damaligen Zeit und paradox wie so vieles, das uns heute unverst\u00e4ndlich erscheint.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sozialdemokratie nannte die Christlichsozialen nur noch die \u201eAntisemiten\u201c. Im Verst\u00e4ndnis der damaligen Zeit war das gar nicht so falsch: \u201eDie Juden\u201c, das stand als Kampfbegriff f\u00fcr jeglichen Missstand mit wirtschaftlichem oder gesellschaftlichem Hintergrund. Und Lueger bediente seine Klientel ausgiebig damit, auch wenn seine Polemiken gegen die Juden nicht rassisch begr\u00fcndet waren und er zahlreiche Juden zu seinen Freunden z\u00e4hlte. \u201eAm wenigsten fest sa\u00dfen seine antisemitischen Gesinnungen in ihm\u201c, hei\u00dft es im Nachruf in der Arbeiter-Zeitung. \u201eMit dem politischen Verstand, mit dem Vorsatz ist Lueger Antisemit gewesen, mit dem Herzen nie.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Karl Lueger verstand seine Partei als Vertreter der deutschsprachigen, christlichen \u00d6sterreicher. Mit dem Wort \u201edie Juden\u201c verstand er auch alle Internationalisten, die den deutschsprachigen Charakter dieser Stadt zu bedrohen schienen. \u201eEs ist nicht der Hass gegen den Einzelnen, nicht der Hass gegen den armen, gegen den kleinen Juden\u201c, erkl\u00e4rte er im Februar 1890 im Abgeordnetenhaus, \u201ewir hassen nichts anderes, als das erdr\u00fcckende Gro\u00dfkapital, welches sich in den H\u00e4nden der Juden befindet.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Es bleibt eine historische Tatsache, dass Lueger viele gesellschaftliche Ungerechtigkeiten beseitigte und \u2013 wie von der Arbeiter-Zeitung ehrf\u00fcrchtig aufgez\u00e4hlt \u2013 gro\u00dfe soziale Reformen (weitgehend auf Basis von Karl von Vogelsangs Katholischer Soziallehre), durchf\u00fchrte. Weitblickend war Luegers Verst\u00e4ndnis von Raumplanung in Kombination mit Gr\u00fcnfl\u00e4chen. Parks und Gr\u00fcnanlagen wurden in allen Bezirken und Vororten angelegt. Alles in allem, machte er Wien zu einer modernen Metropole. Lueger war zweifellos ein Politiker, dem \u00d6sterreich und seine Heimatstadt Wien enorm viel zu verdanken haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Aufgrund Luegers perfekten Kommunalisierungen konnte die Sozialdemokratie zehn Jahre sp\u00e4ter ein Stadtsystem \u00fcbernehmen, das kapitalistischen Angriffen von au\u00dfen Paroli bieten konnte. Das Lueger\u2019sche System kann nicht so schlecht gewesen sein, denn es wurde auch von den Sozialdemokraten sp\u00e4ter nie ge\u00e4ndert. Eisenbahnern und Stra\u00dfenbahnern galt seine besondere Obsorge. Dass bei Luegers Begr\u00e4bnis ein Eisenbahnerchor sang, erbitterte die Sozialdemokraten besonders.<\/p>\n\n\n\n<p>Und nun zum Denkmal, das den Namen Karl Luegers tr\u00e4gt: Die einen wollen es abrei\u00dfen. Andere wollen es schiefstellen. Wieder andere wollen \u201eerl\u00e4uternde\u201c Tafeln anbringen (die es schon gibt).<\/p>\n\n\n\n<p>Im Moment ist das Denkmal auf dem Platz, der ebenso wie das Denkmal selbst Luegers Namen tr\u00e4gt, verunstaltet. Von den Beh\u00f6rden offensichtlich geduldet, ist es beschmiert mit Parolen, die die Urheber als \u2013 gelinde gesagt \u2013 historisch uninformiert ausweisen. Auch Stimmen von (linken) Historikern werden gerne dazu ver\u00f6ffentlicht. So schrieb zuletzt Peter Huemer in der Presse vom 4. November, dass ein \u201eSchiefstellen\u201c G\u00e4ste in Wien zum Nachfragen animieren w\u00fcrde. Lueger sei nun mal ein Antisemit gewesen, ein Vorbild Adolf Hitlers und dar\u00fcber hinaus ein verwerflicher Machtpolitiker. Ein etwas skurriler Vorwurf angesichts der geradezu sprichw\u00f6rtlichen uneingeschr\u00e4nkten sozialdemokratischen Machtpolitik in Wien seit 100 Jahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, Lueger hat oftmals gegen Juden gewettert und sich andererseits deren Stimmen versichert, sobald es ihm politisch gen\u00fctzt hat. Alles das ist aus heutiger Sicht absolut inakzeptabel. Und Lueger war ein Machtpolitiker. Nachdem er sein Ziel erreicht hatte und B\u00fcrgermeister geworden war, flauten seine antisemitischen Reden zusehends ab. Der j\u00fcdische Historiker Isak Arie Hellwing kommt in seiner Studie \u00fcber den konfessionellen Antisemitismus zu folgendem Urteil: \u201eLueger war nie \u00fcberzeugter Antisemit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Es w\u00e4re interessant, zu h\u00f6ren, was die Luegerdenkmal-St\u00fcrmer in diesem Zusammenhang zum Renner-Ring und Renner-Denkmal vor dem Parlament sagen. Karl Renner, dem so wie Lueger gro\u00dfe Verdienste um \u00d6sterreich nicht abzusprechen sind, wurde schon 1910 von der Zeitung \u201eJ\u00fcdische Volksstimme\u201c als besch\u00e4mendes Beispiel daf\u00fcr genannt, \u201edass sozialdemokratische Gesinnung mit antisemitischem P\u00f6belton vereinbar ist.\u201c Nicht von ungef\u00e4hr bezeichnete Friedrich Adler ihn schon 1917 als \u201eLueger der Sozialdemokratie\u201c. Der Journalist, Politikwissenschaftler und redliche Sozialdemokrat Herbert Lackner meinte, was Renner \u201ein den 1920er Jahren im Nationalrat von sich gab, steht den antisemitischen Sagern des notorischen Wiener B\u00fcrgermeisters Karl Lueger nicht nach.\u201c Sogar nach 1945 blieb Renner seiner Linie treu und leistete gegen die R\u00fcckkehr von vertriebenen und gefl\u00fcchteten \u00f6sterreichischen Juden und deren Entsch\u00e4digungen hinhaltenden Widerstand.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl Karl Renner das Hitler-Terrorregime in Deutschland bereits seit 1933 kannte, bat er \u2013 aus v\u00f6llig freien St\u00fccken \u2013 nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten 1938 den Wiener NS-B\u00fcrgermeister Hermann Neubacher, ihm die M\u00f6glichkeit zu geben, \u201eentweder in der Zeitung oder in Aufrufen, die man auf Plakaten drucken k\u00f6nnte, die alten Sozialdemokraten Wiens in meinem Namen aufzurufen, am 10. April f\u00fcr Gro\u00dfdeutschland und Adolf Hitler zu stimmen.\u201c Er verwendete nicht den neutralen Begriff \u201ef\u00fcr den Anschluss\u201c sondern \u201ef\u00fcr Adolf Hitler\u201c. Er wusste, dass seine prominenten Genossen Robert Danneberg, Felix Kanitz (beide Juden) und Paul Schlesinger bereits von den Nazis verhaftet und ins KZ gebracht worden waren, wo sie sp\u00e4ter umkamen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ist es nicht unertr\u00e4glich, dass das Stra\u00dfenst\u00fcck vor dem \u00d6sterreichischen Parlament, der wichtigsten Institution der Unabh\u00e4ngigkeit des demokratischen \u00d6sterreichs, nach jemandem benannt ist, der sich 1938 bei den Nationalsozialisten ohne Not und Zwang andiente, eine aktive Ja-Kampagne f\u00fcr das Ausl\u00f6schen \u00d6sterreichs zu starten?<\/p>\n\n\n\n<p>Es stellt sich die Frage: In welche Lage soll das Renner-Denkmal gebracht werden? Und welchen Namen sollte der Renner-Ring bekommen?<\/p>\n\n\n\n<p>Kehren wir doch im Zuge des Wiedereinzuges des Nationalrats in das dann renovierte Parlamentsgeb\u00e4ude wieder zur\u00fcck zu dem Namen, der bis 1956 gegolten hatte: Parlaments-Ring. Damit kann sich ganz \u00d6sterreich identifizieren.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Franz Schausberger, Universit\u00e4tsprofessor f\u00fcr Neuere \u00d6sterreichische Geschichte, Pr\u00e4sident des Karl-von-Vogelsang Instituts.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Hannes Sch\u00f6nner, Historiker, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Karl-von-Vogelsang Instituts.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><!-- wp:paragraph --><\/p>\n<p>Einen Tag nach dem Tod Karl Luegers, am 11. 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