{"id":3945,"date":"2023-07-12T09:54:40","date_gmt":"2023-07-12T07:54:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/?page_id=3945"},"modified":"2023-07-12T11:38:22","modified_gmt":"2023-07-12T09:38:22","slug":"carl-vaugoin-1873-1949","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/?page_id=3945","title":{"rendered":"Carl Vaugoin (1873-1949)"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Carl Vaugoin (1873-1949)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Carl Vaugoin wurde am 8. Juli 1873 in Wien geboren. Sein Vater war der Inhaber eines heute noch bestehenden Juweliergesch\u00e4ftes im siebenten Wiener Gemeindebezirk und au\u00dferdem engagiert als liberaler Kommunalpolitiker der Stadt Wien. Die Schreibweise seines Vornamens ist nicht einheitlich, es kommen sowohl Carl als auch Karl vor, dominierend ist jedoch die Variante mit \u201eC\u201c.<br>Carl besuchte zun\u00e4chst das Gymnasium in Kremsm\u00fcnster, ehe er 1890 ins Gymnasium Amerlinggasse in Wien wechselte, wo er 1892 maturierte. Er absolvierte das Einj\u00e4hrigen-Freiwilligenjahr in der k.u.k. Armee und wollte die Laufbahn eines Berufsoffiziers einschlagen. Er wurde jedoch f\u00fcr den Truppendienst als untauglich eingestuft, trat in die Reserve \u00fcber und entschied sich f\u00fcr eine Beamtenkarriere in der nieder\u00f6sterreichischen Landesregierung, wo er im Rechnungsdienst eingesetzt wurde. Stark durch die Pers\u00f6nlichkeit Karl Luegers beeinflusst, trat Vaugoin 1898 der Christlichsozialen Partei bei und wurde bald Bezirksparteiobmann-Stellvertreter in Wien-Hietzing. Bereits 1912 wurde er schlie\u00dflich in den Wiener Gemeinderat gew\u00e4hlt.<br>W\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs wurde Vaugoin als Offizier reaktiviert; er leitete 1915\/16 die Einj\u00e4hrigen-Freiwilligenschule in Wien, ab April 1916 kommandierte er Etappen-Trainwerkst\u00e4tten und schied nach dem Ende des Krieges im Rang eines Rittmeisters aus dem Milit\u00e4rdienst aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Vom Wiener Gemeinderat wurde er als Stadtrat nominiert und leitete die Personalangelegenheiten der Stadt. Bei den Gemeinderatswahlen vom 4. Mai 1919 wurde Vaugoin erneut in den Gemeinderat gew\u00e4hlt und hielt die Position bis zum 13. November 1923. Carl Vaugoin kandidierte auch bei den ersten Wahlen zum \u00f6sterreichischen Nationalrat am 17. Oktober 1920. Er wurde gew\u00e4hlt und geh\u00f6rte dem Nationalrat als Abgeordneter bis zum 20. September 1933 mit der kurzen Unterbrechung von etwas mehr als zwei Monaten an, als er die Funktion des Bundeskanzlers innehatte und sein Nationalratsmandat ruhen lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Da Vaugoin einer der wenigen Mandatare der Christlichsozialen Partei war, der milit\u00e4rische Kompetenz hatte, wurde er am 28. April 1921 mit dem Amt des Bundesministers f\u00fcr Heerwesen betraut und \u00fcbte dieses bis zum 7. April desselben Jahres aus. Als der Parteiobmann der Christlichsozialen, Pr\u00e4lat Ignaz Seipel, am 31. Mai 1922 die Leitung der \u00d6sterreichischen Bundesregierung \u00fcbernahm, berief er Vaugoin erneut in die Funktion des Ministers f\u00fcr Heerwesens, welches er \u00fcber alle Regierungswechsel und Koalitionsvarianten der Ersten Republik bis zum 21. September 1933 innehatte. Die Hauptaufgabe Vaugoins war die Schaffung eines Berufsheeres im Sinne des Vertrags von Saint Germain mit geringen finanziellen Spielr\u00e4umen, vorgegeben durch die ung\u00fcnstige wirtschaftliche Lage des Staates. Au\u00dferdem musste er versuchen, den Einfluss der sozialdemokratischen Partei zur\u00fcckzudr\u00e4ngen, was er tats\u00e4chlich unter dem Schlagwort \u201eEntpolitisierung\u201c Schritt f\u00fcr Schritt durchf\u00fchrte. Die dadurch gleichzeitig erfolgte St\u00e4rkung des christlichsozialen Einflusses auf die Gestaltung des Heeres lag durchaus im Sinne der rasch wechselnden Regierungen in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts.<\/p>\n\n\n\n<p>Vom 26. September 1929 bis zum 30. September 1930 fungierte Vaugoin in der Regierung Johannes Schober III als Vizekanzler. Die Spannungen zwischen den Parteien versch\u00e4rften sich, die Heimwehren einerseits und der sozialdemokratische Schutzbund gerieten immer \u00f6fter gewaltt\u00e4tig aneinander. Der Gro\u00dfdeutsche Bundeskanzler Johannes Schober trat zur\u00fcck und Carl Vaugoin bildete ein Minderheitskabinett, in dem auch Vertreter der Heimwehren eingebunden waren. Bundespr\u00e4sident Wilhelm Miklas l\u00f6ste den Nationalrat auf und schrieb Neuwahlen f\u00fcr den 9. November 1930 aus, welche die letzten freien Wahlen der Ersten Republik werden sollten. Die Christlichsozialen verloren sieben Mandate, die Sozialdemokraten wurden st\u00e4rkste Partei im Nationalrat. Eine Koalition zwischen den Gro\u00dfdeutschen, den Christlichsozialen und dem Landbund war die Folge, allerdings unter dem Vorarlberger Landeshauptmann Otto Ender. Carl Vaugoin war in dieser Regierung neuerlich als Heeresminister vertreten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der f\u00fchrende Kopf der Christlichsozialen Ignaz Seipel war durch die scharfe Auseinandersetzung mit den Sozialdemokraten und durch Krankheiten sowie den Folgen des Attentats ebenso geschw\u00e4cht, wie auch seine Stellung als Geistlicher und Politiker immer wieder Anlass zu Klagen gab; so konnte und wollte er seine Funktion als Parteiobmann nicht mehr voll ausf\u00fcllen. Vaugoin wurde von allen Fl\u00fcgeln der CS-Partei gesch\u00e4tzt, und so erfolgte am 9. Mai 1930 seine Wahl zum Parteiobmann der Christlichsozialen Partei. Am 1. November 1933 lie\u00df er sich als Parteiobmann beurlauben und schied am 26. J\u00e4nner 1934 endg\u00fcltig aus dieser Funktion aus. Aus seinen Erfahrungen mit den Heimwehren zog Vaugoin den Schluss, dass mit diesen keine Regierungspolitik gemacht werden konnte. Den autorit\u00e4ren Kurs des neuen Bundeskanzlers Dollfu\u00df (ab 20. Mai 1932) trug Vaugoin kurzzeitig mit, da er diesen als einzigen Weg gegen eine Macht\u00fcbernahme der Sozialdemokraten und deren geforderte \u201eDiktatur des Proletariats\u201c sah. Allerdings wandte er sich bald gegen die Pl\u00e4ne in Richtung einer Verfassungs\u00e4nderung und die Zur\u00fcckdr\u00e4ngung der Parteien, wovon auch die Christlichsoziale Partei betroffen war. Im Herbst 1933 spitzte sich der Konflikt zu, und Engelbert Dollfu\u00df entlie\u00df Vaugoin am 21. September 1933 als Heeresminister. Als \u201eTrostpflaster\u201c wurde er tags darauf in den Rang eines Generals der Infanterie bef\u00f6rdert.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig mit dem Ausscheiden aus der Regierung legte Vaugoin sein Nationalratsmandat zur\u00fcck und stellte am 1. November 1933 seine Funktion als Obmann der Christlichsozialen Partei ruhend, um diese Funktion endg\u00fcltig am 26. J\u00e4nner 1934 an Emmerich Czermak zu \u00fcbergeben. Weitere \u00f6ffentliche Positionen \u00fcbernahm Carl Vaugoin bei den \u00d6sterreichischen Bundesbahnen und sp\u00e4ter in der Lebensversicherungsgesellschaft Ph\u00f6nix, ebenso in der Hirtenberger Patronenfabrik und der Sprengstofffabrik Blumau. Mit Inkrafttreten der neuen Verfassung wurde Carl Vaugoin am 1. November 1934 in den Staatsrat bestellt und am 27. November 1934 zum Mitglied des neu geschaffenen Bundesrates gew\u00e4hlt. Nach Bekanntwerden des \u201ePh\u00f6nix-Skandals\u201c trat Vaugoin sofort von allen Funktionen zur\u00fcck und kehrte in keine dieser Funktionen wieder zur\u00fcck, obwohl ihm auch gerichtlich die Unschuld an den Geschehnissen best\u00e4tigt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Einmarsch der Truppen des nationalsozialistischen Deutschlands in \u00d6sterreich befand sich Vaugoin auf Kur in Meran. Er trat sofort die R\u00fcckkehr nach Wien an, wurde noch auf der R\u00fcckreise verhaftet und ins Polizeigefangenenhaus Rossauerl\u00e4nde eingeliefert. Wegen seiner angeschlagenen Gesundheit sah man von weiteren Inhaftierungen ab, allerdings musste Vaugoin seinen Wohnsitz au\u00dferhalb des fr\u00fcheren \u00d6sterreichs nehmen, zuerst in Bayern, dann in Th\u00fcringen. Erst Ende 1943 durfte er wieder zur\u00fcck nach \u00d6sterreich, wo er bis zu seinem Lebensende blieb. Am 10. Juni 1949 verstarb er als Gel\u00e4hmter in einem Pflegeheim in Krems. Er fand seine letzte Ruhest\u00e4tte in einem Grab am Hietzinger Friedhof.<br>Vaugoin war zweimal verheiratet. Aus erster Ehe stammen zwei Kinder, in zweiter Ehe war er mit der Witwe des Glasindustriellen St\u00f6lzle verheiratet, welche im Jahre 1970 in Bad V\u00f6slau verstarb. Im historischen Ged\u00e4chtnis \u00d6sterreichs ist Carl Vaugoin weitgehend vergessen, die Auswirkungen seines langj\u00e4hrigen politischen Handelns sind jedoch gr\u00f6\u00dfer als allgemein angenommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Prof. Dr. Michael Dippelreiter<br>Langj\u00e4hriger Vizepr\u00e4sident und Vorsitzender des Senats der \u00d6sterreichischen Kulturvereinigung sowie<br>Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates des Karl von Vogelsang-Instituts<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Carl Vaugoin (1873-1949) Carl Vaugoin wurde am 8. Juli 1873 in Wien geboren. 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