{"id":3874,"date":"2023-04-20T18:56:00","date_gmt":"2023-04-20T16:56:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/?page_id=3874"},"modified":"2023-04-27T11:38:12","modified_gmt":"2023-04-27T09:38:12","slug":"nadine-paunovic-1903-1981","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/?page_id=3874","title":{"rendered":"Nadine Paunovic (1903-1981)"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Nadine Paunovic (1903-1981)<\/strong><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Am 30. April 1903, kam Nadine Paunovic als Tochter eines Milit\u00e4rjuristen in Sarajevo zur Welt. Sie war elf Jahre, als das Attentat auf den Thronfolger erfolgte und in weiterer Folge der Erste Weltkrieg ausbrach. Noch w\u00e4hrend des Krieges trat sie in die Lehrerbildungsanstalt in Wien ein und maturierte 1922. Das Studium der Philosophie, Germanistik und Anglistik absolvierte die Zielstrebige neben ihrer T\u00e4tigkeit als Volks- bzw. Hauptschullehrerin. 1929 promovierte Paunovic zum Doktor phil. Nach dem Studium unterrichtete sie bei den Ursulinen (Wien-Stadt). Bereits mit 19 Jahren begann ihr politisches Engagement durch Mitarbeit in der Katholischen Frauenbewegung und im Frauenreferat der Vaterl\u00e4ndischen Front.<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> 1939 wurde Paunovic aufgrund ihrer christlich-sozialen Gesinnung fristlos entlassen, verdiente ihren Lebensunterhalt in einer Miederfabrik und gab Privatstunden. In der NS-Zeit unterst\u00fctzte sie ausl\u00e4ndische Arbeiter und war immer wieder Verh\u00f6ren und Hausdurchsuchungen ausgesetzt. <a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> Am Ende des Zweiten Weltkrieges \u00fcbernahm sie zun\u00e4chst die provisorische Leitung des M\u00e4dchengymnasiums Clementinengasse (Wien-F\u00fcnfhaus) und ab 1946 das M\u00e4dchengymnasium Erlgasse (Wien Meidling). Zwei Jahre sp\u00e4ter wurde Paunovic dort Direktorin, erhielt den Titel einer Hofr\u00e4tin und ging 1966 in Pension.<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Sie war, was typisch f\u00fcr die Avantgarde von Politikerinnen war, ledig und ging vollends in ihrem Beruf als P\u00e4dagogin auf. Erste politische Sporen hatte sie sich in der Zwischenkriegszeit auch in der christlichen Arbeiter- und Angestelltenbewegung verdient<a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a>, wo sie wohl auch schon ihrem sp\u00e4teren Mentor, Felix Hurdes, begegnete. So verwundert es nicht, dass sie \u2013 gemeinsam mit Nora Hiltl (Gr\u00fcnderin der \u00d6VP Frauenbewegung in Wien) \u2013 bei einer Vorbesprechung \u00fcber die Neugr\u00fcndung der \u00d6VP, die Leopold Figl, Felix Hurdes und Lois Weinberger f\u00fchrten, auch anwesend war. Vor dieser Zusammenkunft f\u00fchrte sie bereits mit Frauen im ersten Parteilokal der \u00d6VP im Schottenstift Gespr\u00e4che \u00fcber den Aufbau einer \u00d6VP Frauenbewegung. Nun unterbreitete sie Felix Hurdes ihre Idee. Dieser schilderte die Begegnung mit Paunovic folgend: <em>\u201eDamals, ganz zu Anfang, als in Wien noch die Tr\u00fcmmer rauchten, und wir die Volkspartei aus dem Nichts aufbauten, kam eine schlanke Frau zu mir, deren Namen ich schon geh\u00f6rt hatte: Dr. Nadine Paunovic. Wir sprachen lange miteinander, ob sie sich getraue eine Frauenbewegung ins Leben zu rufen und sie zu leiten. Sie \u00fcbernahm diese schier unl\u00f6sbare Aufgabe. Bedenken Sie: ohne Post, Telephon, Stra\u00dfenbahn, ohne R\u00e4umlichkeiten und ohne Geld. Bei der T\u00fcr drehte sie sich um und sagte: \u201eIch verspreche Ihnen, es gut zu machen.\u201c Und sie hat es gut gemacht.\u201c<\/em><a href=\"#_ftn5\"><sup>[5]<\/sup><\/a>Paunovic war nicht nur eine Frau der Worte, sondern sie eilte auch schnell zur Tat: Bereits am 20. Juni 1945, zwei Monate nach der Gr\u00fcndung der \u00d6VP, erfolgte die Gr\u00fcndung des \u201e<em>Frauenbund\u201c<\/em>\u2013 die Bezeichnung war in Anlehnung an die bereits bestehenden drei B\u00fcnden der \u00d6VP gew\u00e4hlt worden.Die Frauen des \u201eFrauenbund\u201c mussten in ganz \u00d6sterreich Frauen mobilisieren, damit diese bei den Wahlen am 25. November 1945 der \u00d6VP ihre Stimme gaben \u2013 die \u00d6VP-Frauen waren erfolgreich, die \u00d6VP gewann die Wahl.&nbsp; Dar\u00fcber hinaus organisierte Paunovic alle drei Wochen eine Frauenstunde der \u00d6VP in der RAVAG, wo Frauen-Themen besprochen wurden<a href=\"#_ftn6\">[6]<\/a> und gab ab 1947 die Wochenzeitschrift \u201eFrau von heute\u201c heraus.<a href=\"#_ftn7\">[7]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr 1946 erfolgte die Umbenennung des Frauenbundes in \u201e\u00d6sterreichischer Frauenbund (\u00d6FB)\u201c und im Oktober 1946 leitete Nadine Paunovic dessen ersten Bundestag. Im November 1945 zog sie in den Nationalrat ein. Als Nationalr\u00e4tin engagierte sich Nadine Paunovic im Bereich der Bildungs- und Sozialpolitik. F\u00fcr sie waren Themen wie die Berufst\u00e4tigkeit von Frauen, Mutterf\u00fcrsorge, aber auch die Absicherung von Frauen im Alter durch eine \u201eGemeinschaftsrente\u201c wichtig.<a href=\"#_ftn8\">[8]<\/a> Stets kritisierte sie die Diskriminierung von Frauen in der Arbeitswelt. Nadine Paunovic war eine aktive Parlamentarierin, die sich oftmals zu Wort meldete und in ihren Reden sich auch kritisch mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzte, auch bet\u00e4tigte sie sich vehemente Zwischenruferin. <a href=\"#_ftn9\">[9]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Paunovic` Verst\u00e4ndnis von Frauenpolitik entsprach dem damaligen Zeitgeist, war entsprechend konservativ-traditionell und kann mit \u201eDienerin einer Partei\u201c beschrieben werden. So trat sie, der zeitlebens ein Familienleben verwehrt geblieben war, f\u00fcr eine Familienpolitik ein, die sie als wesentliche S\u00e4ule des \u00d6FB betrachtete \u2013 neben der Religion. Sie forderte von den Frauen in der Politik, sich f\u00fcr die menschenzugewandte Seite der Politik zu engagieren, also f\u00fcr Sozial-, Kultur- und ein wenig Wirtschaftspolitik, denn \u201e<em>Politik hat mit Menschen zu tun und \u00fcberall, wo dies der Fall ist, braucht\u2018s ein feines Fingerspitzengef\u00fchl, eine dienstbereite Einf\u00fchlungsgabe und ein sehr wachsames Auge. (\u2026) Der Einbau der Frau in die Politik ist deshalb kein Zeitvertreib oder die Gew\u00e4hrung einer kindischen Laune, sondern reinste Notwendigkeit (\u2026).<\/em><a href=\"#_ftn10\">[10]<\/a>Bereits in den Jahren 1948 und 1949 stie\u00df ihre traditionelle Haltung auf internen Widerstand jener Frauen, die dem \u00d6FB einen neuen Anstrich geben wollten. Dar\u00fcber hinaus schied sie am 8. November 1949 aus dem Nationalrat aus \u2013 ihr folgte Grete Rehor, die 1966 erste Ministerin \u00d6sterreichs werden sollte. Schlie\u00dflich trat Paunovic am zweiten Bundestag der Frauenbewegung Mitte Oktober 1950 zur\u00fcck. Ihr folgte Lola Solar als Bundesleiterin, sie war auch die Wunschkandidatin von Julius Raab. Nadine Paunovic w\u00e4hlte man zur Ehrenpr\u00e4sidentin, die diese Funktion allerdings Ende 1951 \u2013 wohl gekr\u00e4nkt \u2013 zur\u00fccklegte.<a href=\"#_ftn11\">[11]<\/a> &nbsp;Paunovic lag die Internationalisierung des \u00d6FB am Herzen. Sie reiste im M\u00e4rz 1947 zu einem Kongress der Mouvement R\u00e9publicain Populaire, der Schwesternpartei der \u00d6VP und kam mit der Idee zur\u00fcck, eine \u201echristliche Internationale der Frauen\u201c als quasi ein Pendant zur \u201eSozialistischen Internationale\u201c aufbauen zu wollen. 1955 erfolgte in Den Haag die Gr\u00fcndung der Europ\u00e4ischen Frauenunion \u2013 Lola Solar wurde zur ersten Pr\u00e4sidentin gew\u00e4hlt.<a href=\"#_ftn12\">[12]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Paunovic wird als <em>\u201eliberal-katholische Emanze\u201c<\/em>, die <em>\u201e\u00e4u\u00dferst gebildet und sehr feinsinnig\u201c<\/em><a href=\"#_ftn13\">[13]<\/a>war, beschrieben. Sie war engagiert und kritisch und stie\u00df wohl immer wieder auf Widerstand und Kritik. Sie leistete mit der Gr\u00fcndung der Frauenbewegung Pionierarbeit. Diese muss entsprechend gew\u00fcrdigt werden, bedenkt man, dass \u00a0Paunovic damals auf keine Vorl\u00e4uferorganisation zur\u00fcckgreifen konnte. Aber Paunovic war nicht nur hier eine Pionierin, sondern sie war auch die erste Frau, die als \u201eBundesparteiobmannstellvertreter\u201c der \u00d6VP fungierte. Nach ihrem Ausscheiden aus der Politik ist es ruhig um sie geworden, vergessen starb sie am 3. August 1981 in Klosterneuburg.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Barbara Fischer\/Barbara Stiglmayr, Die Kandidatin. Frauen bewegen \u00d6sterreich, Wien 2004, 151-152.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.geschichtewiki.wien.gv.at\/Nadine_Paunovic\">https:\/\/www.geschichtewiki.wien.gv.at\/Nadine_Paunovic<\/a> (Zugriff: 09.03.2023).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> <a>Fischer\/Stiglmayr, Die Kandidatin, <\/a>152.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> https:\/\/www.parlament.gv.at\/person\/1163 (Zugriff: 09.03.2023).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> Die Frau von Heute 1\/15, 17. Oktober 1946, 4.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a> Anita Ziegerhofer, 70 Jahre. 1945 Frauenbund 2015 \u00d6VP Frauen, Wien 2015, 27.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref7\">[7]<\/a> Fischer\/Stiglmayr, Die Kandidatin, 153.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref8\">[8]<\/a> Fischer\/Stiglmayr, Die Kandidatin, 153.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref9\">[9]<\/a> Fischer\/Stiglmayr, Die Kandidatin, 154.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref10\">[10]<\/a> Ad\u00d6FB, Nadine Paunovic, Die Politik von fraulicher Schau gesehen, 2-3.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref11\">[11]<\/a> Ziegerhofer, 70 Jahre, 32-33.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref12\">[12]<\/a> Ziegerhofer, 70 Jahre, 66-67.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref13\">[13]<\/a> Fischer\/Stiglmayr, Die Kandidatin, 154.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nadine Paunovic (1903-1981) Am 30. April 1903, kam Nadine Paunovic als Tochter eines Milit\u00e4rjuristen in Sarajevo zur Welt. 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