{"id":3111,"date":"2021-09-05T20:02:40","date_gmt":"2021-09-05T18:02:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/?page_id=3111"},"modified":"2021-09-05T20:05:41","modified_gmt":"2021-09-05T18:05:41","slug":"das-engagement-der-oevp-frauen-in-den-ersten-nachkriegsjahren","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/?page_id=3111","title":{"rendered":"Das Engagement der \u201e\u00d6VP\u201c- Frauen in den ersten Nachkriegsjahren"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Das Engagement der \u201e\u00d6VP\u201c- Frauen in den ersten Nachkriegsjahren<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Damals, ganz zu Anfang, als in Wien noch die Tr\u00fcmmer rauchten, und wir die Volkspartei aus dem Nichts aufbauten, kam eine schlanke Frau zu mir, deren Namen ich schon geh\u00f6rt hatte: Dr. Nadine Paunovic. Wir sprachen lange miteinander, ob sie sich getraue eine Frauenbewegung ins Leben zu rufen und sie zu leiten. Sie \u00fcbernahm diese schier unl\u00f6sbare Aufgabe. Bedenken Sie: ohne Post, Telephon, Stra\u00dfenbahn, ohne R\u00e4umlichkeiten und ohne Geld. Bei der T\u00fcr drehte sie sich um und sagte: \u201eIch verspreche Ihnen, es gut zu machen.\u201c Und sie hat es gut gemacht.<a href=\"#_ftn1\"><strong>[1]<\/strong><\/a> <\/em>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Worte stammen von einem der Gr\u00fcnderv\u00e4ter der \u00d6VP, Felix Hurdes. Er gilt als wesentlicher Mentor der \u00d6VP-Frauenbewegung, die knapp zwei Monate nach der Gr\u00fcndung der \u00d6sterreichischen Volkspartei (17. April 1945) am 20. Juni 1945 unter dem Namen \u201e\u00d6sterreichischer Frauenbund\u201c gegr\u00fcndet wurde. Die damalige Bezeichnung \u201eFrauenbund\u201c sollte wohl an die Benennung der bestehenden und die Partei konstituierenden B\u00fcnde \u2013 Wirtschaftsbund, Bauernbund und \u00d6AAB \u2013 angepasst werden. Allerdings sollte der Frauenbund, die heutigen \u00d6VP-Frauen, erst 1974 als selbst\u00e4ndige Teilorganisation der Partei Anerkennung finden.&nbsp; Mit der Gr\u00fcndung des Frauenbundes wollte man <em>alle Frauen innerhalb der \u00d6VP organisieren (unbeschadet ihrer berufsst\u00e4ndischen Zugeh\u00f6rigkeit zu den B\u00fcnden) und sie f\u00fcr die speziellen politischen, wirtschaftlichen und F\u00fcrsorge-Aufgaben einsetzen.<\/em> <a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> Die \u00d6VP-Frauen verstanden sich nicht ausschlie\u00dflich als Interessensvertretung der Frauen, sondern vielmehr als aktive, politische Bewegung, die sich grunds\u00e4tzlich mit allen Problemen der menschlichen Gesellschaft aus der Sicht der Frau befasst. Der Parteistruktur entsprechend war die Frauenbewegung dem christlichen Subsidiarit\u00e4tsprinzip verpflichtet und f\u00f6deralistisch aufgebaut: Die Bundesleitung befand sich in Wien und in der Zeit zwischen 1945 und 1947 erfolgte der Aufbau der Landesleitungen in den Bundesl\u00e4ndern. Die Bundesl\u00e4nder waren in Bezirksleitungen, Stadtleitungen und Ortsgruppen gegliedert, die Referentinnen in Aussch\u00fcssen vertreten. Sie arbeiteten vielfach als Sprengelleiterinnen am Aufbau der \u00d6VP mit. Allerdings konnte der Frauenbund keine eigenen Mitglieder aufnehmen, dies war den oben erw\u00e4hnten drei B\u00fcnden allein vorbehalten. Paunovic hatte nicht nur die Leitung der Frauen innerhalb der \u00d6VP \u00fcber, sondern sie war auch die erste Frau, die als Obmannstellvertreter der \u00d6VP fungierte. Im November 1945 zog sie in den \u00d6sterreichischen Nationalrat ein und mit ihr die Leiterin der steirischen Frauenbewegung, Dr. Frieda Mikola.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Archiv des Karl von Vogelsang-Instituts befinden sich zwei T\u00e4tigkeitsberichte der steirischen Landesgruppe, die in den 1970er Jahren zu einer der st\u00e4rksten Landesorganisation aufr\u00fcckte.<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a> Die Berichte geben \u00fcber den Zeitraum von 1945 bis 1948 Einblick in die T\u00e4tigkeiten der \u00d6VP-Frauen und zeugen von einem regen gesellschaftlichen, sozialen und politischen Engagement der Frauen der ersten Stunde.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer \u00f6sterreichische Frauenbund im Rahmen der \u00d6.V.P.\u201c, so lautete damals die offizielle Benennung, wurde im September 1945 vom steirischen Landeshauptmannstellvertreter Alois Dienstleder ins Leben gerufen. Im steirischen Frauenbund waren alle Frauen,&nbsp; <em>welche in den drei B\u00fcnden der \u00d6.V.P. oder einzeln in der Partei erfasst sind,<\/em> vertreten mit dem Zweck, <em>die kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Interessen der Frauen und Familien zu wahren und in der \u00d6ffentlichkeit zu vertreten<\/em>. Dar\u00fcber hinaus wolle man in den Frauen <em>die Liebe zum Vaterland \u00d6sterreich f\u00f6rdern und vertiefen. <a href=\"#_ftn4\"><strong>[4]<\/strong><\/a><\/em> Hinsichtlich des Aufbaus von Bezirksgruppen konnte man bereits 1946 positiv bilanzieren: Wenn man bedenkt, dass zur damaligen Zeit die Verkehrsverh\u00e4ltnisse sehr schlecht waren <em>und es in den Wintermonaten fast unm\u00f6glich war aufs Land zu kommen<a href=\"#_ftn5\"><strong>[5]<\/strong><\/a><\/em>, ist es umso anerkennenswerter, dass es den steirischen \u00d6VP-Frauen gelang, in der Obersteiermark fast \u00fcberall Bezirksreferate aufzubauen. Nur die Ost- und Weststeiermark war noch l\u00fcckenhaft erschlossen. Dennoch berichteten die Steirerinnen mit Stolz, dass die \u00d6VP Frauen von Tirol und Ober\u00f6sterreich von ihren T\u00e4tigkeiten erfahren haben und sie um deren Richtlinien und Material \u00fcber ihre Arbeit gebeten hatten.<a href=\"#_ftn6\">[6]<\/a> 1948 konnten die steirischen Frauen Bundesleiterin Nadine Paunovic und die charismatische Lola Solar, Landesleiterin von Nieder\u00f6sterreich, als Referentinnen gewinnen, die auf Versammlungen und Sprechabenden in Bezirken und Gemeinden \u00fcber die Arbeit und das Ziel der Frauenbewegung aufkl\u00e4rten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die praktische Arbeit war umfangreich und passte sich den \u00f6rtlichen Gegebenheiten an. So war der Frauenbund in der Steiermark in Sektionen (F\u00fcrsorge, Volksbildung, Hausfrauen, politische Bildung) gegliedert. Demnach k\u00fcmmerten sich die Frauen etwa um S\u00e4uglingsausstattungen oder um in Not geratene Familien mit der Aktion \u201eHilfe im Haushalt\u201c. F\u00fcr berufst\u00e4tige Frauen und M\u00fctter wurde 1947 eine Erholungsaktion veranstaltet, an der 100 Frauen und 70 Kinder teilnahmen. Um den Menschen Kummer und Sorgen zu erleichtern, intervenierten Bezirksleiterinnen, die auch Gemeinder\u00e4tinnen waren, in Wohnungsfragen, Wiedereinstellungen von Beamten sowie um die Erh\u00f6hung der F\u00fcrsorgerente. Es wurden in der gesamten Steiermark Vortr\u00e4ge und F\u00fchrungen sowie N\u00e4hkurse f\u00fcr Taschen, Patschen, Spielzeug und Puppen veranstaltet.<a href=\"#_ftn7\">[7]<\/a>&nbsp; Um wieder dem Alltag Normalit\u00e4t, aber auch Freude und Glanz zu bereiten, wurden Feste und Feierlichkeiten zum \u201eZweck der F\u00f6rderung des Familienlebens im christlichen Geiste\u201c <a href=\"#_ftn8\">[8]<\/a> veranstaltet. Faschingsfeste sowohl am Land wie auch in den Grazer Redoutens\u00e4len hatte man organisiert, ebenfalls Sommer- und Weihnachtsfeste sowie die beliebten Muttertagsfeiern, die im ganzen Land veranstaltet wurden. Auch die politische Bildung durfte nicht zu kurz kommen. \u00dcber 100 Frauen nahmen an sogenannten Volksbildungstagungen statt, die nicht nur von den Frauen abgehalten wurden, sondern auch von Landespolitikern wie etwa dem steirischen Landtagspr\u00e4sidenten.<a href=\"#_ftn9\">[9]<\/a>&nbsp; Einmal pro Monat fand der politische Frauenclub statt, um gew\u00e4hlte Mandatarinnen und die Sektionsleiterinnen \u00fcber sozial- und kulturpolitische Fragen zu beraten. Auch \u00fcber eingebrachte bzw.&nbsp; einzubringende Antr\u00e4ge in Nationalrat, Landtagen oder Gemeinderat wurde diskutiert. Dies galt wohl auch f\u00fcr den parlamentarischen Antrag von Frieda Mikola auf Schaffung eines F\u00fcrsorgegesetzes, die Errichtung eines Gremiums f\u00fcr die F\u00fcrsorgerinnen oder f\u00fcr das von ihr entworfene Mutterschutzgesetz, das internationale Beachtung fand. Auf der Landtagsebene stellte die stellvertretene Landesleiterin, Abgeordnete Sophie Wolf, einen erfolgreichen Antrag zur Wiedererrichtung eines Polizei-Jugendheimes und eines Gesetzes zum Schutz der Jugend vor Verwahrlosung. Weitere Resolutionen betrafen die R\u00fcckf\u00fchrung der Kriegsgefangenen aus Jugoslawien, die Aufl\u00f6sung von Konzentrationslagern und die Amnestie f\u00fcr Minderbelastete. Aus den hier exemplarisch aufgez\u00e4hlten Antr\u00e4gen wird ersichtlich, wie wichtig es f\u00fcr die Frauenbewegung war, dass ihre Mitglieder auch ein politisches Mandat bekleideten. Dessen war sich auch Frieda Mikola bewusst. Unter ihrer Leitung erlangte der Frauenbund Steiermark als erste Landesbewegung das Recht, Kandidatinnen f\u00fcr den Landtag oder das Parlament nominieren zu d\u00fcrfen. Sie auf eine w\u00e4hlbare Stelle zu positionieren, war hingegen ein schwieriges Unterfangen und wurde erst Anfang des 21. Jahrhunderts teilweise durch das Rei\u00dfverschluss-System ge\u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00d6VP-Frauen der Steiermark waren von Anfang an sehr aktiv, zwei Jahre nach der Gr\u00fcndung veranstalteten sie am 12. November 1947 den 1. Landesfrauentag unter dem Motto \u201eIdeengemeinschaft, Arbeitsgemeinschaft, Friedensgemeinschaft\u201c. Obwohl die beantragten Bezugsscheine f\u00fcr Kohle, Fett und Zucker abgelehnt wurden, lie\u00dfen sie sich von ihrer politischen Arbeit nicht abbringen und erschienen mit einem <em>S\u00e4ckchen Kohle in der einen, ein wenig Essen in der anderen Hand<\/em><a href=\"#_ftn10\">[10]<\/a>, um auf den St\u00fchlen, die vom naheliegenden Schauspielhaus entlehnt werden mussten, Platz zu nehmen.\u00a0 Von hier aus erhielten sie Impulse, Anregungen f\u00fcr die weitere politische, soziale Arbeit und bildeten entsprechende Netzwerke.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Autorin:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Univ.-Prof. Dr. Anita Ziegerhofer, Universit\u00e4t Graz<\/p>\n\n\n\n<p>Institut f\u00fcr Rechtswissenschaftliche Grundlagen<\/p>\n\n\n\n<p>Fachbereich Rechtsgeschichte und Europ\u00e4ische Rechtsentwicklung<\/p>\n\n\n\n<p>Vizepr\u00e4sidentin des Karl von Vogelsang-Instituts<\/p>\n\n\n\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Frauenbewegung_1945.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">>> Quellen<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Jahresbericht des \u00d6sterreichischen Frauenbundes (Landesleitung Steiermark) 1945\/1946<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>(Archiv des Karl von Vogelsang-Institut, Signatur 1.004\/3)<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Felix Hurdes in: Die Frau von Heute 1\/15, 17. Oktober 1946, 4 zitiert in Ziegerhofer, 70 Jahre, 17-18.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Ad\u00d6FB, Paunovic an Hurdes, 29. August 1945, zitiert in Ziegerhofer, 70 Jahre, 18.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> KvVI, Bericht des \u00d6sterr. Frauenbundes im Rahmen der \u00d6.V.P., vom September 1945-Juni 1946; T\u00e4tigkeitsbericht Der (sic!) \u00d6sterreichischen Frauenbewegung Steiermark seit dem 1.&nbsp; Landesfrauentag im November 1947 bis zu dem 2.&nbsp; Landesfrauentag am 26. November 1948.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> KvVI, Bericht 1945-1946.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> Ebenda.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a> Ebenda.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref7\">[7]<\/a> Ebenda.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref8\">[8]<\/a> Ebenda.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref9\">[9]<\/a> KvVI, T\u00e4tigkeitsbericht 1947-1948, 1.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref10\">[10]<\/a> Ziegerhofer, 70 Jahre, 108.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Engagement der \u201e\u00d6VP\u201c- Frauen in den ersten Nachkriegsjahren Damals, ganz zu Anfang, als in Wien noch die Tr\u00fcmmer rauchten, und wir die Volkspartei aus dem Nichts aufbauten, kam eine &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3111"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3111"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3111\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3116,"href":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3111\/revisions\/3116"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3111"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}