{"id":3029,"date":"2021-04-14T18:08:58","date_gmt":"2021-04-14T16:08:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/?page_id=3029"},"modified":"2021-04-14T18:13:12","modified_gmt":"2021-04-14T16:13:12","slug":"3029-2","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/?page_id=3029","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"\n<p>Zu den Quellen:<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/SKM_C250i21020807510.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Quelle 1<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/SKM_C250i21020807520.pdf\" target=\"_blank\">Quelle 2<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kommentar:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Univ.-Doz. Dr. Andreas Weigl, Wiener Stadt- und Landesarchiv sowie<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates des Karl von Vogelsang-Instituts<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kulturkampf um die Schule<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zu den Dauerbrennern der politischen K\u00e4mpfe zwischen \u201elinks\u201c und \u201erechts\u201c geh\u00f6rt in \u00d6sterreich seit den liberalen Reformen der sp\u00e4ten 1860er Jahre die Schulpolitik. Die Bestimmungen des liberalen Reichsvolksschulgesetzes von 1869 waren ab den 1880er Jahren im Sinn der Bestrebungen der Katholischen Kirche nach einer \u201eRekatholisierung der Schule\u201c durchl\u00f6chert worden, sodass die bei Gr\u00fcndung der Republik g\u00fcltige \u201eDefinitive Schulunterrichtsordnung von 1905\u201c der Kirche einen nach wie vor betr\u00e4chtlichen Einfluss auf das Schulwesen einr\u00e4umte. Es verwundert daher nicht weiter, dass sich nach dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie und der Gr\u00fcndung der Republik ab dem Fr\u00fchjahr 1919 die Schulpolitik gemeinsam mit der Ehegesetzgebung zu den gro\u00dfen Kampffeldern zwischen Christlichsozialer Partei und Sozialdemokratischer Arbeiterpartei entwickelte. Die beiden hier ausgew\u00e4hlten Verhandlungsschriften des \u201echristlich-sozialen Klubs der Wiener Stadtschulr\u00e4te\u201c aus dem Oktober 1922 stammen aus einer besonders hei\u00dfen Phase des \u201eKulturkampfs\u201c in der Ersten Republik und sie spiegeln das aufgeregte schulpolitische Klima jener Jahre besonders deutlich wider.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Feindbild des christlich-sozialen Klubs schlechthin war der sozialdemokratische Schulpolitiker Otto Gl\u00f6ckel. Der 1874 als Sohn des Unterlehrers Friedrich Gl\u00f6ckel geborene, unter Karl Lueger aus ideologischen Gr\u00fcnden aus dem Schuldienst entlassene P\u00e4dagoge, r\u00fcckte am 15.3.1919 als Unterstaatssekret\u00e4r f\u00fcr Unterricht in der Regierung Renner-Fink zum m\u00e4chtigsten Bildungspolitiker der jungen Republik auf. Und er machte mit einer wahren Flut von Erl\u00e4ssen rasch klar, dass im Schulwesen kein Stein auf dem anderen bleiben sollte. Die Bestrebungen Gl\u00f6ckels zielten auf ein Gesamtschulmodell, bestehend aus einer Grundschule und einer allgemeinen Mittelschule f\u00fcr die 11-14-J\u00e4hrigen, verkn\u00fcpft mit einer universit\u00e4ren Lehrerausbildung. Inhaltlich sah der neue Gl\u00f6ckelsche Lehrplan f\u00fcr Volksschulen, der am 8.6.1920 provisorisch eingef\u00fchrt wurde, Arbeitsunterricht, d.h. Selbstt\u00e4tigkeit des Sch\u00fclers, Bodenst\u00e4ndigkeit und keinen fixen Stundenplan (Gesamtunterricht) vor. Nach dem de facto Ende der gro\u00dfen Koalition bereits im Sommer 1920 endete jedoch seine T\u00e4tigkeit als Bundespolitiker. Gl\u00f6ckel ging nach den Wahlen im Oktober 1920 in die Kommunalpolitik und wurde ab 1922 m\u00e4chtiger Pr\u00e4sident des nach der Trennung von Wien und Nieder\u00f6sterreich neu geschaffenen Wiener Stadtschulrates.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Notwendigkeit zu organisatorischen und inhaltlichen Reformen im Bildungswesen wurde nach 1918 auch von christlichsozialen und deutschnationalen Schulreformern gesehen. Die Vermittlung der Liebe zum Kaiserhaus war nun obsolet, milit\u00e4rische \u00dcbungen angesichts der Millionen Toten des Weltkriegs mehr als fragw\u00fcrdig. Reformer aller politischen Lager waren sich einig: praxisnahe Kenntnisse (\u201eHeimatkunde\u201c) sollten vermittelt, die Durchl\u00e4ssigkeit des Schulsystems gef\u00f6rdert werden. Doch die von Gl\u00f6ckel angestrebte v\u00f6llige S\u00e4kularisierung des Schulwesens lehnten die Christlichsozialen strikt ab. Den b\u00fcrgerlichen Nachfolgern Gl\u00f6ckels in der Bundespolitik ging sein Weg der Schulreform daher viel zu weit. Angesichts dieser Ausgangslage verlagerte sich der Kulturkampf in der Bildungspolitik auf Landesebene: nach Wien.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon im Wahlkampf im Februar 1919 hatte es in einem Hirtenbrief gehei\u00dfen: \u201eEine Schule ohne Gott muss jede Idee von Gewissen und Pflicht zerst\u00f6ren, weil diese beiden nur in Gott ihre Begr\u00fcndung haben\u201c. Der Erlass von Gl\u00f6ckel vom 10. April 1919 \u201ebetreffend die Teilnahme der Schuljugend an den religi\u00f6sen \u00dcbungen\u201c, der die verpflichtende Teilnahme abschaffte, wurde zum Stein des Ansto\u00dfes, der f\u00fcr den rechtskatholischen Fl\u00fcgel der Christlich-Sozialen und die Kirche vorerst jede weitere Diskussion \u00fcber die Schulreform er\u00fcbrigte. F\u00fcr Gl\u00f6ckel hatte im t\u00e4glichen Unterricht das Schulgebet keinen Platz. Auch dass Sch\u00fcler geschlossen zum Schulgottesdienst und zu Fronleichnamsprozessionen gef\u00fchrt wurden und die Note im Fach \u201eReligion\u201c vom Besuch des Sonntagsgottesdienstes abh\u00e4ngig war, fand er mit einem republikanisch-demokratischen Schulsystem unvereinbar. F\u00fcr die Kirche war ein solch s\u00e4kular gedachtes Verst\u00e4ndnis von Schule nicht nur unerh\u00f6rt und unertr\u00e4glich, es drohte langfristig die gesellschaftliche Machtposition entscheidend zu schw\u00e4chen. Der \u201eBolschewisierung\u201c der Kinder und Jugendlichen schien T\u00fcr und Tor ge\u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Die vorliegenden Sitzungsprotokolle des Klubs der christlich-sozialen Stadtschulr\u00e4te kreisen genau um jene zentrale Frage der S\u00e4kularisierung des Schulunterrichts. Die Verwendung christlicher Symbole oder Bilder in den Schulr\u00e4umen, das Schulgebet stand zur Debatte. In den von Stadtrat Rummelhardt geleiteten Sitzungen rekurrierten die Stadtschulr\u00e4te daher immer wieder auf die ja auch von Gl\u00f6ckel als Kurzzeit-\u201eUnterrichtsminister\u201c mangels Mehrheit in der Koalition nicht grunds\u00e4tzlich ver\u00e4nderten Schulgesetze aus der Monarchie, deren Einhaltung ab Oktober 1920 Unterrichtsminister aus dem b\u00fcrgerlichen Lager \u00fcberwachten. Freilich lie\u00df der junge F\u00f6deralismus Gl\u00f6ckel in seinen Reformbestrebungen im \u201eRoten Wien\u201c einen Spielraum, den er zu nutzen wusste. Dass dabei von beiden Seiten nicht immer mit der \u201efeinen Klinge\u201c gefochten wurde, macht etwa der geschilderte Fall des \u201elinken\u201c Direktors in der Schule in der Pyrkergasse in Wien-D\u00f6bling und der erbosten \u201erechten\u201c Elternschaft deutlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sitzungen der Christlich-sozialen Stadtschulr\u00e4te leitete mit Karl Rummelhardt ein durchaus erfahrener P\u00e4dagoge und Politiker. Rummelhardt, nach dem in Wien eine Gasse benannt ist, kannte als Direktor der technisch-gewerblichen Fortbildungsschule in Ottakring und langj\u00e4hriges Mitglied in verschiedenen Wiener Schulbeh\u00f6rden das Wiener Schulwesen aus der Praxis. Ab 1914 war Rummelhardt Mitglied des Gemeinderates der Stadt Wien, von 1919 bis 1930 nichtamtsf\u00fchrender Stadtrat. Schwerpunkte seiner politischen T\u00e4tigkeit bildeten unter anderem das gewerblichen Fortbildungsschulwesens und die Jugenderziehung.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Zeitpunkt der Gr\u00fcndung der Republik war die \u00fcberwiegende Mehrheit des Lehrpersonals dem b\u00fcrgerlichen Lager zuzurechnen. Dem begegnete Gl\u00f6ckel mit der Gr\u00fcndung eines P\u00e4dagogischen Instituts f\u00fcr die Aus- und Fortbildung des Lehrpersonals, welches auf die neue Schule vorbereitet wurde. Dadurch wurde die katholische Lehrerausbildung in ihrem Monopolcharakter ausgehebelt. Der in den Sitzungsprotokollen erw\u00e4hnte Schuldirektor stammte offensichtlich aus dem \u201eroten Lager\u201c, eine Tatsache, die unter den B\u00fcrgermeistern Lueger und Wei\u00dfkirchner undenkbar gewesen w\u00e4re. Von der von Gl\u00f6ckel propagierten \u201eDemokratisierung\u201c des Schulwesens profitierte jedoch \u2013 wie der gegenst\u00e4ndliche Fall zeigt \u2013 auch das andere Lager. Elterndemonstrationen und der Versuch, eine gemeinsame Frontlinie von christlicher Erziehungsgemeinschaft und b\u00fcrgerlichen Elternvertretern zu bilden, macht deutlich, dass sich bei allen gegenseitigen Vorw\u00fcrfen und Blockierungen im Schulwesen etwas bewegte. Was die gesamte Erste Republik freilich \u00fcberschattete, blieb die Frage: Wie h\u00e4lt es die neue Schule mit der Religion?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu den Quellen: Quelle 1 Quelle 2 Kommentar: Univ.-Doz. 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