{"id":2825,"date":"2020-10-28T09:28:46","date_gmt":"2020-10-28T08:28:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/?page_id=2825"},"modified":"2020-11-01T17:37:00","modified_gmt":"2020-11-01T16:37:00","slug":"2825-2","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/?page_id=2825","title":{"rendered":"K\u00c4RNTEN \u2013 ein Problem? (Hg. K\u00e4rntner Landesregierung; Autor Bernhard Scheichelbauer;1945)"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Historische Brosch\u00fcre<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>K\u00c4RNTEN \u2013 ein Problem? (Hg. K\u00e4rntner Landesregierung; Autor Bernhard Scheichelbauer;1945)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der Kategorie der sogenannten \u201egrauen Literatur\u201c finden sich immer wieder besondere Gustost\u00fcckerl. Eines davon ist die 1945 im Verlag der \u00f6sterreichischen Staatsdruckerei erschienene Brosch\u00fcre \u201eK\u00e4rnten \u2013 ein Problem?\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Bernhard Scheichelbauer war studierte Jurist, trat sp\u00e4ter in den Milit\u00e4rdienst ein und machte den Ersten Weltkrieg als Frontsoldat mit. 1920 nahm er als Soldat am K\u00e4rntner Abwehrkampf teil. Er wurde sp\u00e4ter st\u00e4ndiger Mitarbeiter der Grazer \u201eTagespost\u201c der \u201eNeuen Freien Presse\u201c und des \u201eNeuen Wiener Tagblattes\u201c. Ab 1930 leitete Scheichelbauer den K\u00e4rntner Landespressedienst. Von der NSDAP wurde er 1938 als \u201e\u00fcbelster und geh\u00e4ssigster\u201c Gegner des Nationalsozialismus in seiner Funktion abgesetzt und mit einem Gauverbot f\u00fcr K\u00e4rnten belegt. Er ging zun\u00e4chst nach Meran und dann 1940 nach Wien, wo er sich sp\u00e4ter der Widerstandsgruppe \u201eO5\u201c anschloss. Nach dem Krieg arbeitete er beim Bundespressedienst im Bundeskanzleramt, wo er zuletzt Chefredakteur war.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Einleitung zu seiner Brosch\u00fcre schreibt Scheichelbauer wie folgt: \u201eZum 25 Male j\u00e4hrte sich am 10. Oktober 1945 der Tag, an dem die Bev\u00f6lkerung des gemischtsprachigen Teiles von K\u00e4rnten in freier, von einer interalliierten Kommission auf ihre Korrektheit in streng kontrollierten Abstimmung sich entschied, ihr ferneres Schicksal nicht an Jugoslawien zu geben, sondern bei \u00d6sterreich zu bleiben. Da somit die \u201eK\u00e4rntner Frage\u201c durch den vornehmsten Entscheid gel\u00f6st wurde, den die Demokratie kennt&nbsp;<a>\u2013&nbsp;<\/a>durch die unmittelbare Befragung des Volkes im Wege einer geheimen Abstimmung \u2013, so m\u00fcsste sie wohl als eine res judicata gelten. Umso verwunderlicher ist es, dass sich am Ende des Krieges 1939 bis 1945 neuerlich die gleiche \u201eK\u00e4rntner Frage\u201c zeigt: von der gleichen Stelle aufgeworfen, mit den gleich weitergehenden und durch nichts zu begr\u00fcndenden Gebietsanspr\u00fcchen und einem \u00e4hnlichen Versuch, durch gewaltsame Besetzung vollendete Tatsachen zu schaffen, wie es im Jahre 1918\/19 geschehen ist. Wenn nach letzterer dank dem Eingreifen der englischen Besatzungsmacht sofort zunichte gemacht wurde, so t\u00f6nen aus Laibach doch wieder die in K\u00e4rnten aus der Zeit vor 25 Jahren nur allzu gut bekannten Fanfaren. Es ergibt sich darum f\u00fcr \u00d6sterreich und ganz besonders f\u00fcr das neuerlich bedrohte Land K\u00e4rnten die Notwendigkeit, anhand einer \u00fcbersichtlichen kurzen Darstellung der Ereignisse und der Tatsachen, die zum Volksentscheid von 1920 f\u00fchrten, das unverletzliche Recht auf seinen ungeschm\u00e4lerten Besitzstand gegen\u00fcber Jugoslawien zu erweisen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Bernhard Scheichelbauer skizziert die Ereignisse nach dem Ersten Weltkrieg in K\u00e4rnten und geht auf die wichtigsten Problemfelder ein. Er zitiert den ehemaligen Direktor des K\u00e4rntner Landesarchivs Dr. Wutte folgenderma\u00dfen: \u201eS\u00fcdk\u00e4rnten ist weder ethnisch noch sprachlich, noch kulturell, noch wirtschaftlich, noch nach der Gesinnung der Bev\u00f6lkerung slowenischer Boden. Im Gegenteil ist es ethnisch und sprachlich ein Mischgebiet, sonst aber durch Kultur und Geschichte, durch Wirtschaft und Verkehr und durch die Gesinnung der Bev\u00f6lkerungsmehrheit deutscher Boden, der zum slowenischen S\u00fcden nur lose Beziehungen hat. Dieser Zustand ist nicht das k\u00fcnstliche Erzeugnis einer gewaltsamen Eindeutschungspolitik und nicht eine Sch\u00f6pfung der j\u00fcngsten Zeit, sondern das nat\u00fcrliche Ergebnis der geschichtlichen Entwicklung und der geographischen Verh\u00e4ltnisse des Landes. Es w\u00e4re daher eine Ungerechtigkeit, wenn S\u00fcdk\u00e4rnten bedingungslos und ohne Volksbefragung an S\u00fcdslawien angeschlossen w\u00fcrde. Die Gerechtigkeit fordert, dass S\u00fcdk\u00e4rnten das Recht zugestanden werde, selbst \u00fcber seine k\u00fcnftige staatliche Zugeh\u00f6rigkeit zu entscheiden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Bernhard Scheichelbauer erl\u00e4utert die Vorgeschichte und die Bedingungen zur Volksabstimmung sowie deren korrekte Durchf\u00fchrung. Er verweist auf die st\u00e4ndigen St\u00f6raktionen der Regierungsstellen in Laibach, aber auch auf die vers\u00f6hnliche Stimmung nach der Volksabstimmung wenn er schreibt: \u201eBegreiflicherweise hatte der Kampf um die Volksabstimmung und die Vorg\u00e4nge w\u00e4hrend ihrer Vorbereitung eine gereizte Atmosph\u00e4re erzeugt, die auch sp\u00e4terhin infolge st\u00e4ndiger Angriffe aus Laibach nicht ganz ausgeglichen werden konnten. Auch erwiesen sich die politischen F\u00fchrer der in \u00d6sterreich verbliebenen slowenischen Minderheit als wenig begabt. Es muss jedoch festgestellt werden, dass alle Kundgebungen, die vom Landtage und der Landesregierung nach der Volksabstimmung erlassen wurden, in durchaus vers\u00f6hnlichem Sinne gehalten waren. Niemand wurde wegen der Vorf\u00e4lle w\u00e4hrend der Besatzungszeit oder wegen seiner Stimmenabgabe bel\u00e4stigt; niemand wurde vertrieben. Insgesamt waren es 32 Lehrpersonen und 24 Geistliche, die im Jahre 1920 freiwillig au\u00dfer Landes gingen, darunter 16 Nicht-K\u00e4rntner, die danach zur\u00fcckkehrten.\u201c (Dazu im Gegensatz ein Artikel in der Onlineversion der Tageszeitung \u201eDer Standard\u201c vom 14. Oktober 2020).<\/p>\n\n\n\n<p>Ausf\u00fchrlich erkl\u00e4rt Bernhard Scheichelbauer die nunmehrige Stellung der K\u00e4rntner Slowenen innerhalb des Landes K\u00e4rnten, wenn er meint, die K\u00e4rntner nationalen Slowenen besa\u00dfen von Anfang an in allen politischen, rechtlichen und kulturellen Angelegenheiten die volle Gleichberechtigung mit den \u00fcbrigen Landesbewohnern. Den Fragen einer slowenischen Kulturautonomie, aber auch den Problemen zur Schulgesetzgebung gibt er breiten Raum. Er verschweigt die 1945 bestehenden und nicht gel\u00f6sten Probleme keineswegs, verweist aber auf die seiner Meinung nach unrichtigen und unwahren Behauptungen seitens der slowenischen Abgeordneten.<\/p>\n\n\n\n<p>Bernhard Scheichelbauer erl\u00e4utert auch die Bem\u00fchungen Bundeskanzler Schuschniggs w\u00e4hrend des \u00f6sterreichischen St\u00e4ndestaates f\u00fcr eine L\u00f6sung in der Schulfrage bzw. im gesamten Minderheitenwesen in K\u00e4rnten t\u00e4tig zu werden. So kam es im Jahr 1937 nach einer Besuchsreise des Bundeskanzlers im gemischtsprachigen Teil K\u00e4rntens zu einem ziemlich weitgehenden vorl\u00e4ufigen \u00dcbereinkommen, welches unter anderem einvernehmlich mit den Slowenen festlegte, welche Gemeinden als slowenisch, welche als gemischtsprachlich und welche als eingedeutscht zu gelten h\u00e4tten. \u00dcber ausdr\u00fccklichen Wunsch der Slowenen sollte auch in den Schulen der slowenischen Gemeinden neben der slowenischen die deutsche Sprache gelehrt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Okkupation \u00d6sterreich durch das nationalsozialistische Deutschland streift Bernhard Scheichelbauer kurz und erl\u00e4utert die Folgen f\u00fcr die in K\u00e4rnten lebenden Slowenen. Mehr Raum gibt er den Problemen, die gleich nach der Niederwerfung des nationalsozialistischen Regimes durch Jugoslawien entstanden sind. Dieses beanspruchte n\u00e4mlich, \u00e4hnlich wie nach dem Ersten Weltkrieg, gewisse Teile K\u00e4rntens. Dagegen wehrte sich die Landesorganisation der Sozialistischen Partei \u00d6sterreichs in K\u00e4rnten\u2013 die zahlenm\u00e4\u00dfig am st\u00e4rksten im konsultativen K\u00e4rntner Landesausschuss vertretene politische Partei \u2013, welche darauf unter anderem antwortete: \u201eBezugnehmend auf die territoriale Frage K\u00e4rntens st\u00fctzt sich die Sozialistische Partei auf die Beschl\u00fcsse der alliierten M\u00e4chte, wonach die volle Freiheit und Selbst\u00e4ndigkeit \u00d6sterreichs im Sinne der Verfassung von 1920 zugesichert wurde. Die Bev\u00f6lkerung des gemischtsprachigen Gebietes hat in der am 10. Oktober 1920 durchgef\u00fchrten Volksabstimmung ihren freien Willen Ausdruck gegeben und sich zur freien Republik \u00d6sterreich bekannt. Diese Volksabstimmung fand im Sinne des Selbstbestimmungsrechts statt und wird von uns auch heute als rechtswirksam anerkannt. Territorial ist der verfassungsm\u00e4\u00dfige Zustand von 1920 wiederhergestellt. Die K\u00e4rntner Slowenen sind somit \u00f6sterreichische Staatsb\u00fcrger. Es steht Ihnen nach unserer Rechtsauffassung dieselben verfassungsm\u00e4\u00dfigen Rechte zu wie allen \u00fcbrigen Staatsb\u00fcrgern. Gegen eine Teilnahme der K\u00e4rntner Slowenen in Verwaltung, Wirtschaft und sonstigen K\u00f6rperschaften ist nichts einzuwenden, wenn diese sich zur freien Republik \u00d6sterreich bekennen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in der Schulfrage hatte die K\u00e4rntner Landesregierung durch einen am 11. November 1945 ver\u00f6ffentlichen Erlass v\u00f6llig neue Wege beschritten. Als Vorbild diente ihr dabei die Schweiz. W\u00e4hrend die fr\u00fchere \u201eutraquistisch Schule\u201c nur das slowenische Kind verpflichtete Deutsch zu lernen, wird durch die neue Verordnung eine zweiseitige Verpflichtung geschaffen: Kinder beider Volksteile m\u00fcssen beide Landessprachen lernen. Es handelt sich also um eine Zweisprachigkeit der Schuljugend in den gemischtsprachigen Teilen des Landes.<\/p>\n\n\n\n<p>Bernhard Scheichelbauer res\u00fcmiert in seiner Erkenntnis folgenderma\u00dfen: \u201e (\u2026) die territoriale Situation ist durch die Volksabstimmung des Jahres 1920 ein f\u00fcr alle Mal entschieden worden.\u201c Und weiter: \u201ees gibt keine die slowenische Minderheit in K\u00e4rnten betreffende Frage, die bei gegenseitigem Entgegenkommen nicht innerhalb der Landesgrenzen in vern\u00fcnftiger Form gel\u00f6st werden k\u00f6nnte. Im Augenblick, in dem sich die slowenische Minderheit auf dem Boden der Tatsachen stellt \u2013 loyale Staatsb\u00fcrger in einem sie loyal behandelten \u00d6sterreich zu sein und die Laibacher Bevormundung abzusch\u00fctteln \u2013 und das Allslawentum seine Versuche aufgibt, auf einem Schleichweg das \u201eunerl\u00f6ste K\u00e4rnten\u201c an sich zu rei\u00dfen: also, ebenfalls die von 1920 durch die Volksabstimmung geschaffene Lage loyal anerkennt, wird es in K\u00e4rnten keinerlei Schwierigkeiten mehr geben. Dass diese Voraussetzungen gemacht werden, darf nicht als Anma\u00dfung ausgelegt werden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Bernhard Scheichelbauer hat diese Brosch\u00fcre sicher im Auftrag der K\u00e4rntner Landesregierung verfasst. Dies ist umso deutlicher sichtbar, weil es eine zweite (erste) Fassung in englischer Sprache gibt, \u201eCarinthia \u2013&nbsp; a Problem&#8221;, auch im Verlag der \u00d6sterreichischen Staatsdruckerei 1945 in Wien erschienen und in dieser Form im Bestand der \u00d6sterreichischen Nationalbibliothek vorhanden. Sie sollte sicherlich der englischen Besatzungsmacht eine Entscheidungshilfe geben im positiven Sinne f\u00fcr K\u00e4rnten und gegen die jugoslawischen Forderungen. Die gro\u00dfe Sachkenntnis des Autors, die genaue historische Darstellung und der Detailreichtum machen die Brosch\u00fcre f\u00fcr Historiker und Politologen wichtig und bieten eine Basis f\u00fcr weiterf\u00fchrende Forschungen. Allerdings muss noch einmal darauf hingewiesen werden, dass die Studie ein Auftragswerk der K\u00e4rntner Landesregierung war, dadurch einen bestimmten Zweck erf\u00fcllen sollte und dass neue Forschungen doch auch andere Sichtweisen und Ergebnisse aufweisen k\u00f6nnen. Dennoch ist die Bedeutung dieser weitgehend unbekannten Schrift nicht zu untersch\u00e4tzen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>(Prof. Dr. Michael Dippelreiter, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates des KvVI<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"http:\/\/www.vogelsanginstitut.at\/at\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Kaernten_ein_Problem.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">>>Zum Dokument<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Historische Brosch\u00fcre K\u00c4RNTEN \u2013 ein Problem? (Hg. K\u00e4rntner Landesregierung; Autor Bernhard Scheichelbauer;1945) In der Kategorie der sogenannten \u201egrauen Literatur\u201c finden sich immer wieder besondere Gustost\u00fcckerl. 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